«Der Kosmosmensch», Miniatur aus Hildegard von Bingen, «Liber divinorum operum – Welt und Mensch» (f.9r, sec. XIII, Biblioteca Statale di Lucca, ms. 1942 – mit Bewilligung des Ministero dei Beni delle Attività Culturali e del Turismo - Biblioteca Statale di Lucca vom 2.9.2020). | © Dorothee Becker
03.09.2020 – Impuls

Psalm 8

Adonaj, du herrschst über uns alle.
Wie machtvoll ist dein Name auf der ganzen Erde.
So breite doch deine Majestät aus über den Himmel.
Aus dem Mund von Kindern und Säuglingen
hast du eine Macht geschaffen gegen alle, die dich bedrängen,
auf dass Feindschaft und Rache verstummen.
Ja, ich betrachte deinen Himmel,
die Werke deiner Finger: Mond und Sterne, die du befestigt hast –
Was sind die Menschen, dass du an sie denkst,
ein Menschenkind, dass du nach ihm siehst?
Wenig geringer als Gott lässt du sie sein,
mit Würde und Glanz krönst du sie.
Du lässt sie walten über die Werke deiner Hände.
Alles hast du unter ihre Füsse gelegt:
Schafe, Rinder, sie alle, und auch die wilden Tiere,
Vögel des Himmels und Fische des Meeres,
alles, was die Pfade der Meere durchzieht.
Adonaj, du herrschst über uns alle.
Wie machtvoll ist dein Name auf der ganzen Erde.

Bibel in gerechter Sprache

 

Was sind die Menschen, dass du an sie denkst?

Wie sehr sind wir Menschen mit allem verbunden und vernetzt. Wie sehr hat unser Handeln Auswirkungen auf alles, was lebt und existiert. Nicht erst seit den letzten Monaten wird bewusst, in welchem Masse unser Tun und Unterlassen Auswirkungen hat auf unsere Nächsten und auch auf die, die uns nicht so nah sind.

Seien es Hygienemassnahmen, mit denen ich andere und mich selber schützen kann vor der Infizierung mit dem Coronavirus. Sei es mein Einkaufs- und Konsumverhalten, mit dem ich im Kleinen daran mitwirken kann, dass die Weltwirtschaft gerechter wird. Sei es mein Bewusstsein und Eintreten für ökologische Zusammenhänge, mit dem ich die Schöpfung bewahren und versuchen kann, die Erde für die zukünftige Generation lebenswert zu erhalten.

Dies alles hat Hildegard von Bingen im Blick. Sie erfährt diese Zusammenhänge in Visionen, die sie niederschreibt und die wunderbar illustriert wurden. Sie sieht den Menschen als Gottes Ebenbild, als freies Geschöpf aus Liebe erschaffen. Auf diese Liebe zu antworten, das ist die Lebensaufgabe von uns Menschen. Und dies geschieht dadurch, dass wir uns immer wieder neu einschwingen in die Ordnung des Kosmos, als dessen Mittelpunkt Hildegard den Menschen sieht. Leben für alle ist dann möglich, wenn wir Menschen in Respekt vor Gott, vor den Mitmenschen und vor der Schöpfung die Verantwortung wahrnehmen, die uns gegeben ist. Wenn wir die Welt, soweit es in unserer Macht liegt, verantwortlich gestalten, die Welt, die von der Liebe Gottes gehalten und gleichsam umarmt wird. Wenn wir die Vernunft, die uns geschenkt ist, damit wir Gut und Böse unterscheiden, dafür einsetzen, als Mit-Schöpferinnen und -Schöpfer mitzuwirken an der Heilsgeschichte.

Aus ihren Visionen heraus schreibt Hildegard: «Als aber Gott den Menschen anblickte, gefiel er Ihm sehr, weil Er ihn nach dem Gewand Seines Abbildes und nach Seinem Gleichnis geschaffen hatte, damit er mit dem vollen Ton seiner vernünftigen Stimme alle Wunderwerke Gottes verkünde. Der Mensch ist nämlich das vollkommenste Wunderwerk Gottes, weil Gott durch ihn erkannt wird und weil Gott alle Geschöpfe seinetwillen erschaffen hat. Ihm hat Er mit dem Kuss der wahren Liebe gestattet, durch seine Vernunft Ihn zu preisen und zu loben.» (Aus: Hildegard, Liber divinorum operum, S. 196)

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin, Pfarrei Heiliggeist