Eugenio Pacelli (1876–1958, 3. von rechts), der spätere Papst Pius XII., als Kardinalstaatssekretär des Vatikans bei der Unterzeichnung des Konkordats mit dem Deutschen Reich am 20. Juli 1933 in Rom. 2. von links: Der deutsche Vizekanzler Franz von Papen. | © wikimedia/Bundesarchiv (Deutschland)
29.10.2021 – Hintergrund

«Die Verantwortung fällt auch auf die, die schweigen»

Der christliche Antisemitismus und das Schweigen von Papst Pius XII. zur Judenverfolgung

In einem Vortrag in Basel beleuchtete Peter Hertel den christlichen Antisemitismus. Der Theologe und Autor sieht diese Tradition der Kirche als Grund, warum Papst Pius XII. den Holocaust nicht öffentlich verurteilte.

Edith Stein (1891–1942), im KZ Auschwitz ermordet, in einer Aufnahme von etwa 1920 | © wikimedia/Fotograf unbekannt

«Seit Wochen sehen wir in Deutschland Taten geschehen, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit Hohn sprechen. Ich bin überzeugt, dass es sich um eine allgemeine Erscheinung handelt, die noch viele Opfer fordern wird. Die Verantwortung fällt auch auf die, die dazu schweigen. Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland – und ich denke, in der ganzen Welt –, dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe …»

Diese klarsichtigen Worte schrieb Edith Stein, katholische Philosophin jüdischer Herkunft, bereits im April 1933, gut zwei Monate nach Hitlers Machtantritt, in einem Brief an Papst Pius XI. in Rom. Die Antwort kam von Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli: Ihr Schreiben sei pflichtgemäss dem Papst vorgelegt worden. Auf den Inhalt ging der Kardinal nicht ein.

1939 trat Pacelli als Pius XII. selbst das Amt des Papstes an. Edith Stein, die 1933 in den Orden der Karmelitinnen eintrat, wurde am 9. August 1942 von den Nazis im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. 1998 wurde sie von der Kirche heiliggesprochen. Für Pius XII. läuft seit 1965 ein Verfahren zur Seligsprechung.

Die Bewertung von Handeln und Schweigen des Papstes angesichts der Judenvernichtung bleibt umstritten. Neue Kenntnisse soll die im Jahr 2020 erfolgte Öffnung der vatikanischen Archive bringen. In einem von der Zeitschrift «aufbruch» veranstalteten Vortrag am 25. Oktober in der christkatholischen Predigerkirche Basel legte der deutsche Theologe und Journalist Peter Hertel, der als früherer Radioredaktor des NDR auch Zeitzeugen zu dem Thema befragt hatte, seine Sicht dar.

Warum schwieg Pius XII.?

Hertel lastet Pius XII. an, dass er gegenüber den Verbrechen der Nazis an den Juden weitgehend geschwiegen habe und die Schoah nicht ausdrücklich verdammte, obwohl er davon Kenntnis hatte. Ebenso sei der Papst untätig geblieben, als im Jahr 1943 mehr als 1000 Juden aus Rom in die Vernichtungslager deportiert wurden – obwohl er auch Kirchen und Klöster anwies, Verfolgten Asyl zu geben. Dass viele Juden im Schutz der Kirche gerettet wurden, hielt Hertel eher den beteiligten kirchlichen Institutionen als dem Papst zugute.

Warum schwieg Pius XII.? Für Peter Hertel liegt die erste Antwort darin, dass Pacelli mit den seit Jahrhunderten verfestigten Vorurteilen des Antijudaismus aufwuchs und in der theologischen Tradition des christlichen Antisemitismus stand.

Den zweiten Schlüssel sieht Hertel in der Kirchenpolitik: Als im April 1933 Edith Stein an den Papst schrieb, verhandelte Kardinalstaatssekretär Pacelli mit der Naziregierung über das Reichskonkordat, von dem er sich Freiräume für die katholische Kirche in Deutschland erhoffte. Ein kirchliches Eintreten gegen die Verbrechen der deutschen Machthaber an den Juden hätte das Konkordat gefährden können, das dann im Juli 1933 unterzeichnet wurde. «Da stand das Wohl der eigenen Kirchenmitglieder höher als die Menschenrechte», bilanzierte Hertel.

Der alte kirchliche Antisemitismus

Über die Kontroverse um die Rolle von Papst Pius XII. hinaus bleibt es für die Kirche von zentraler Bedeutung, sich ihrer Tradition der Judenfeindschaft zu stellen. Dazu zeichnete Peter Hertel in seinem Vortrag eine Linie von der Theologie der Antike bis zum Holocaust.

Als das Christentum im römischen Reich zur führenden Religion aufstieg, sah es sich als das «wahre Israel», während das Judentum verworfen sei. Die Juden, so hiess es beim Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos im Jahr 386, seien Christusmörder, für die es keine Verzeihung gebe. Als 388 ein christlicher Mob die Synagoge in Callinicum in Syrien niederbrannte, erwirkte der Kirchenlehrer Ambrosius bei Kaiser Theodosius den Verzicht auf die Bestrafung der Brandstifter und auf den Wiederaufbau der Synagoge.

Dieser Konflikt sei zum Modell für den Umgang von Staat und Kirche mit den Juden geworden, sagte Hertel. Im Mittelalter duldeten oder förderten Päpste die «Judenmission» und Zwangstaufen von Juden, deren Ausschluss von Ämtern, ihre Kennzeichnung durch besondere Kleidungsstücke oder ihre Einsperrung in Ghettos. Auch der Reformator Martin Luther forderte 1543 Zwangsarbeit für Juden und das Niederbrennen ihrer Synagogen.

Kirche prägte Verhaltensmuster im Volk

Laut Hertel führten die antijüdischen Einstellungen in Politik und Theologie zu Verhaltensmustern im Volk: «Schliesslich wurde der christliche Antisemitismus selbstverständliches Allgemeingut der Bevölkerung. Er drang in die Volksfrömmigkeit ein und nahm dämonische Züge an. Den angeblich gottlosen Juden traute man alles zu, selbst dass sie mit dem Teufel im Bunde seien.»

Als im 19. Jahrhundert die gesellschaftliche Bedeutung der Religion abnahm und eine Entwicklung zur rechtlichen Gleichstellung der Juden einsetzte, verschob sich in Deutschland die Judenfeindschaft von der Religion auf die sogenannte «Rasse»: «Was solls, wenn ihr euch taufen lasst. Ihr seid und bleibt Juden.» Die aufkommende Rassenideologie baute auf der alten christlichen Judenfeindschaft auf.

«Die Nazis nutzten ganz konkret die Vorurteile, um die Bevölkerung auf ihre sogenannte Endlösung der Judenfrage einzustimmen», legte Hertel dar. Elemente und Symbole des christlichen Antisemitismus wurden von den Nazis übernommen, wie angebliche Ritualmorde der Juden oder ihre Ausgrenzung durch sichtbare Zeichen an den Kleidern. Hertels Fazit: «Ohne den christlichen Antisemitismus und seine Jahrhunderte alten, in der Gesellschaft verfestigten Vorurteile hätte es den Holocaust wohl nicht gegeben.»

Mit dem II. Vatikanischen Konzil hat die Kirche ein neues Verhältnis zum Judentum gewonnen. Mit Blick auf die Zukunft stellt sich die Frage, ob diese Wende auch die Verhaltensmuster im Volk so dauerhaft und wirksam zu prägen vermag, wie es über Jahrhunderte die christliche Judenfeindschaft getan hat.

Christian von Arx

Vortrag von Peter Hertel im Wortlaut auf der Website des «aufbruch»