Brise | © breeze-1578424_ivanovgood, Pixabay, CC0
23.05.2018 – Impuls

EZECHIEL 36,20–21;25–28

Als sie aber zu den Völkern kamen, entweihten sie überall, wohin sie kamen, meinen heiligen Namen; denn man sagte von ihnen: Das ist das Volk Jahwes und doch mussten sie sein Land verlassen. Da tat mir mein heiliger Name leid, den das Haus Israel bei den Völkern entweihte, wohin es auch kam …

Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen.

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt. Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gab. Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein.

Einheitsübersetzung gekürzt

 

Unerwartet kommt die Brise, die uns neu belebt

Ich weiss nicht, ob ich gestern dem jungen Mann, der nächstens nach einigen Jahren Haft in die Freiheit kommen wird, das Richtige, das Wichtigste, ja überhaupt das mit auf dem Weg gegeben habe, was er bräuchte. Er war ausdrücklich nicht zufrieden. Das sagte er mir ins Gesicht. Er war immer direkt und nahm kein Blatt vor den Mund.

Ich erinnere mich, als ich ihn vor Jahren besuchen wollte, wie er in seiner Zelle dasass, mit eingeknicktem Oberkörper und mir eine deutliche Abfuhr erteilte: «Nein, ich wünsche kein Gespräch.» Klare Botschaft! Seine Haltung, wie er so dasass, habe ich nie mehr vergessen. Darauf habe ich ihn jahrelang aus den Augen verloren, weil er anderswo war.

Ja, er möchte an Pfingsten in den Gefängnisgottesdienst kommen, den ich gestalten werde. Und wir haben auch einen neuen Gesprächstermin festgelegt, wo auch immer.

Der Versuch und die Bemühung, diesem Gott Platz zu geben, seinen Namen zu heiligen, gute Begleiterinnen seiner Menschen zu sein, scheint manchmal zu scheitern. Die Symbole des Glaubens sind nicht alles. In den letzten Jahren wurden in Westeuropa viele Kreuze abgehängt, und kürzlich in Bayern wieder aufgehängt, vielleicht gegen den Islam, um damit, so scheint es, Wahlkampf mit dem Kreuz zu betreiben.

Entweihen wir damit den Namen Gottes, so wie es im Schrifttext aus dem Buch Ezechiel kritisiert wird? Wie können wir den Namen Gottes wieder heiligen, ohne Polemik, ohne Antisemitismus, ohne gegen den Islam an sich (gemeint ist nicht der Islamismus) zu schimpfen? Der obige Schrifttext stammt aus der jüdischen Bibel und die Muslime verehren die Propheten. Wohl, indem wir den Versuch wieder wagen, diesen Namen Gottes zu lieben? Und mit dieser Liebe seine Liebe zu den Menschen zu leben. Das Vertrauen eines Menschen zu haben, ist etwas Schönes. Jedoch ist es auch gleichzeitig zerbrechlich.

Er schenke uns das neue Herz und den neuen Geist, von dem der Prophet Ezechiel vor 2600 Jahren schon geschrieben hatte. Er selber wurde von einem «Sturmwind» überrascht, durch den er seine Berufung zum Propheten wahrgenommen hatte. Wir sind – ich bin – nicht imstande, dieses Neue zu schaffen. Mit diesem Geist Gottes ist es, wie wenn wir draussen auf einer Bank sitzen, jammernd, wie warm es schon wieder ist, und uns unerwartet eine kühle Abendbrise erfrischt, von aussen, nicht von uns gemacht. Dieser erfrischende Hauch belebt und bringt neue Ideen, Hoffnung und Kraft. Das Fest von Pfingsten erneuert den Geist Gottes für uns. Der Geist Gottes haucht ganz konkret in jede Lebenssituation hinein, in der wir uns befinden, so komplex sie auch ist, wie bei dem eingangs erwähnten jungen Mann. Der Geist haucht uns Liebesworte, Erfrischungen, Fantasie, Ermutigungen und Gedichte zu wie das folgende von Susanne Sandherr:

«Gott, du hast uns geschaffen,
jeden und jede von uns.
Wir haben deinen Lebenshauch,
deine Ruach,
empfangen,
jeder und jede von uns.
Alle hast du begabt
mit ihr.

Heute feiern wir deine Geistkraft,
die uns stark macht,
die uns schön macht,
die uns gut macht,
die uns klug macht,
die uns Mut macht:
zu beginnen
mit dir.»

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge und in der Seel­sorge für Menschen mit Behinderung in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Zug