Das Leben im Thurgau ist vielfältig: Wimmelbild mit biblischen Elementen. | © Illustration: Johanna Müller
19.12.2019 – Aktuell

Thurgau feiert 150 Jahre Miteinander von Kirche und Staat

Katholiken und Reformierte begehen das Jubiläum der öffentlich-rechtlichen Anerkennung gemeinsam

Noch bevor andere Kantone ein Kirche-Staat-Gesetz hatten, wurde 1869 ein solches im Kanton Thurgau realisiert. Die katholische und die evangelische Landeskirche feiern gemeinsam das Jubiläum, das sie bereits vor 150 Jahren zusammenführte.

«Damals waren wir einzigartig», fasst der Kirchenratspräsident der katholischen Landeskirche Thurgau, Cyrill Bischof, das Ereignis von 1869 zusammen. In jener Zeit gab es fünfmal mehr Evangelische im Kanton als Katholiken. «Dennoch wurden die Katholiken gleich behandelt», betont Bischof.

Im Unterschied zu vielen anderen Kantonen war der Thurgau damals konfessionell durchmischt. Darum wurde nicht ein Modell übernommen, wie es im reformierten Zürich oder in den katholischen Innerschweizer Kantonen vorgegeben war. Der jungen, liberalen Thurgauer Regierung – der Kanton wurde 1803 gegründet – war es von Anfang an daran gelegen, mit beiden Kirchen gemeinsam das Verhältnis Kirche-Staat zu regeln, sagt Bischof.

Offizielle Kirche war nicht begeistert

Die katholische Kirche erhielt damals eine gewählte, basis-demokratische Struktur für den administrativen und finanziellen, aber – ausser dem Pfarrwahlrecht – nicht für den pastoralen Bereich. «Das war ein Meilenstein», sagt der katholische Kirchenratspräsident rückblickend und ergänzt: «Die offizielle Kirche empfand das aber als eine Art Domestizierung und war damals nicht begeistert!»

Nun wird gemeinsam gefeiert. «Das Jubiläum ist eine spannende Gelegenheit, um ökumenische Herausforderungen zu besprechen und die ökumenische Praxis zu vertiefen», sagt Reto Friedmann, Gesamtprojektleiter für das Jubiläum. Diese gelingt im Kanton gut, bestätigen beide Kirchenratspräsidenten mit dem Hinweis, dass das Jubiläum gemeinsam organisiert wird. Das Jubiläum soll also auch ein ökumenisches Zeichen in die Gesellschaft hinaussenden.

Die offizielle Auftaktveranstaltung fand am 1. Dezember, dem Beginn des Kirchenjahres, in der Kartause Ittingen statt. Zum offiziellen Auftakt des 150-Jahr-Jubiläums der Thurgauer Landeskirchen am 1. Dezember in der Kartause Ittingen kamen rund 250 Gäste aus Kirche und Politik, wie es in einer Mitteilung der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau heisst. Regierungsrat Jakob Stark und die Kirchenratspräsidenten der reformierten und katholischen Landeskirchen, Wilfried Bührer und Cyrill Bischof, diskutierten unter anderem über die künftige Rolle der Kirche.

Das Verhältnis von Kirche und Staat sei in den vergangenen 150 Jahren von einem guten Einvernehmen geprägt gewesen, so lautete der allgemeine Tenor. Diese Tradition hoffe man fortzuführen. Auch in Zukunft sei der Staat auf gesellschaftliche Akteure angewiesen, die ihn ergänzten, sagte Bischof laut Mitteilung. Dem pflichtete Stark bei: Es sei die gemeinsame Aufgabe von Kirche und Staat, Werte zu vermitteln und die Menschen dabei in ihrer individuellen Art zu berücksichtigen.

Ein breites Programmangebot

Das Jubiläum setzt sich aus zwölf verschiedenen Teilprojekten zusammen. Der Themenbereich Kirche, Kultur und Kunst kommt genauso zum Zuge wie es auch zum ersten Mal auf landeskirchlicher Ebene ökumenische Glaubenskurse geben wird. Zwei Bücher beleuchten die damalige historische Situation und die Veränderungen in den letzten 150 Jahren. Bereits am 28. November wurde das Buch «Kirchenbau 1869–2019» vorgestellt.

Die Beflaggung der Kirchtürme und anderer kirchlicher Gebäude im Kanton macht während des Jubiläumsjahres auf das Ereignis aufmerksam. Ein «Wimmelbild», auf welchem neben vielen gesellschaftlichen Szenen auch biblische Elemente erscheinen, zeigt die Vielfalt des Lebens im Thurgau auf.

Die Kirche lebt über ihre Mitglieder

Mit dem Jubiläum soll zudem eine möglichst breite Bevölkerungsschicht angesprochen werden, erklärt Bührer. Das Jubiläum soll im Kanton deutlich machen, dass die Kirchen ein gesellschaftlicher Player sind. Zwei Drittel der Bevölkerung gehören einer Landeskirche an.

Das Jubiläum soll den Kirchenmitgliedern auch vor Augen halten, dass sie sich für die Kirche vor Ort engagieren sollen. Denn ohne sie gebe es keine Kirche, betont Bührer. Themen wie Migration und andere Religionszugehörigkeiten sollen ganz unverkrampft in das Jubiläum einfliessen, betont er weiter.

Das Organisationskomitee blickt zuversichtlich in die Zukunft. Ökumenisch sind die Eckpfeiler des Festes erfolgreich gesetzt. Gemeinsam geht es vorwärts. «Wir haben immer eine gute Lösung. Friedmann ist davon überzeugt, dass man nach dem Jubiläum besser dastehen werde als zuvor.

Georges Scherrer, kath.ch