Bewegung an der frischen Luft, aber auch regelmässige Pausen tragen zur Resilienz bei. | © Regula Vogt-Kohler
25.02.2021 – Aktuell

In Zeiten von Corona ist Resilienz ein besonders gefragtes Gut

Malen, stricken und sich auf Pommes frites freuen: Es hilft, aktiv, optimistisch und realistisch zu bleiben

Was stärkt uns in schwierigen Zeiten? Welche Rolle spielen dabei Religiosität und Spiritualität, Beziehungen und Gemeinschaft? Fachleute aus den Bereichen Spitalseelsorge, Spiritualität, Paarberatung und Medizin geben Antwort.

Seit einem Jahr ist die Welt eine andere, für alle. Eine Krankheit, die global zur akuten Bedrohung geworden ist, zwingt uns zu einem neuen Alltag, in dem Einschränkungen dominieren. «Gerade das Jahr 2020 hat gezeigt, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist und eine Krise, auch gesundheitlicher Natur, ganz plötzlich in unser aller Leben treten kann», heisst es in den Hintergrundinformationen zum Tag der Kranken 2021, der am Sonntag, 7. März, begangen wird. «In solchen Momenten ist es wertvoll, wenn wir wissen, was uns gut tut und was wir brauchen, um mit der veränderten Situation umzugehen.»

Strategien fürs Aushalten

Valeria Hengartner und Kerstin Rödiger erleben als Spitalseelsorgerinnen am Universitätsspital Basel, wie unterschiedlich Menschen auf belastende Veränderungen reagieren. «Manche Patienten und Patientinnen ertragen eine schwere Diagnose mit erstaunlicher innerer Stärke», berichtet Hengartner. Menschen mit grosser psychischer Widerstandskraft können sich auf die neue Situation einstellen, haben eine optimistische Haltung Veränderungen gegenüber und vertrauen auf ihre Erfahrung und Fähigkeiten. Sie haben Strategien fürs Aushalten.

Dies sei zum Beispiel in der Schwangerenabteilung gut sichtbar, erzählt Rödiger. Oft kämen die Frauen mitten aus dem Alltag ins Spital und müssten dann dort bleiben. «Wer da Strategien mitbringt, sich abzulenken, ist im Vorteil.» Dabei seien vor allem handwerkliche Dinge hilfreich. Fürs Lesen fehle oft die Konzentration und den ganzen Tag Fernsehschauen entfremde einen sich selbst. «Wenn sie malen, stricken, häkeln …, sind sie im Kontakt mit sich und finden etwas Boden unter den Füssen.»

Aktiv sein statt jammern

Wer in eine schwierige Situation gerät, fühlt sich zuweilen ausgeliefert, hilflos, gelähmt, trauert dem nach, was nicht mehr geht, und investiert die wenigen noch vorhandenen Energien ins Jammern. Manche haben so auf die Coronakrise reagiert. Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen plädiert dafür, eine aktive Haltung einzunehmen. Entscheidend sei, dass man sich nicht von der Krise in eine Opferrolle drängen lasse, sondern weiterhin aktiv seine persönlichen Ziele angehe.

Hilfreich könne es dabei sein, sich zu fragen, was man selbst dazu beitragen könnte, dass sich die Situation bessert. «Wie drücke ich die Kurve mit nach unten und woher hole ich immer wieder die Energie dafür?» Kraft schöpfen lässt sich auch aus ganz einfachen Dingen. Es helfe, wenn man sich einfache realistische, vielleicht sogar alltägliche Ziele setze, die Mut machen, sagt Steffen. «Ich freue mich beispielsweise schon seit Wochen darauf, wieder einmal in einem Restaurant frische Pommes frites essen zu können.»

Das realistische Einschätzen von Rahmenbedingungen ist ein wichtiger Faktor des Konzepts Resilienz. Was heisst das bezüglich Corona? Wann wird das Leben endlich wieder «normal»? Der Basler Kantonsarzt geht davon aus, dass in den nächsten Monaten noch immer erhebliche Massnahmen nötig sind, um das Virus genügend zurückzudrängen.

Stresstest für Paare

Energiespender sind auch soziale Beziehungen. Aus der Forschung ist bekannt, dass das Eingebundensein in die Gesellschaft und insbesondere glückliche Partnerschaften die Widerstandsfähigkeit stärken. «In der Beratungsstelle fällt auf, dass da, wo vor der Coronazeit bereits Krisen waren, diese sich leider oft noch verschärft haben», berichtet Ehe- und Partnerschaftsberaterin Andrea Gross. Die krisenfesteren Paare zeichnen sich gemäss Gross dadurch aus, dass sie unterscheiden können, was derzeit möglich ist und was nicht. Allerdings bedeutet die Coronakrise mittlerweile selbst für gut funktionierende Beziehungen eine spürbare Belastung. Gross beobachtet, dass die Fähigkeiten zur inneren Bewältigung der Coronakrise nach einem Jahr auch bei den resilientesten Paaren deutlich abnimmt.

Kraftquelle Spiritualität

Zu den Quellen, aus denen sich Widerstandsfähigkeit speist, gehört auch Spiritualität. Davon sind Martin Föhn, Leiter des Fachbereichs Bildung und Spiritualität im Pastoralraum Basel-Stadt, und Thomas Kyburz, Fachverantwortlicher Bildung-Spiritualität im Pastoralen Zentrum Katholisch BL, überzeugt. Veränderungen würden an der Oberfläche oft chaotisch aussehen, doch gute Spiritualität führe den Menschen in die Tiefe, sagt Föhn. «Als Christ bin ich zuerst davon überzeugt, dass Gott im Innersten das Universum zusammenhält, auch wenn es sich ständig verändert.»

Und Kyburz sagt zur religiösen Dimension des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten: «Die Haltung, dass Gott mir so viel zumutet, wie ich selbst zu bewältigen fähig bin, kann mich bestärken, die Herausforderungen im Leben anzunehmen.»

Regula Vogt-Kohler

 

Faktoren der Resilienz

Forscher haben herausgefunden, dass mehrere Faktoren die Widerstandskraft erhöhen. Menschen sind widerstandsfähiger, wenn sie:

  1. Eine optimistische Einstellung zu Veränderungen haben und auf ihre Fähigkeiten vertrauen.
  2. Objektive Leistungsgrenzen akzeptieren und Rahmenbedingungen realistisch einschätzen können.
  3. Probleme offen ansprechen und lösungsorientiert vorgehen.
  4. Ein gutes Stressmanagement haben sowie für Ihre Bedürfnisse und Regenerationszeiten sorgen.
  5. Selbstverantwortung und Eigeninitiative übernehmen.
  6. Bei Überforderung Hilfe annehmen und ihre Beziehungen und Netzwerke pflegen.
  7. Für das eigene Leben Visionen, Werte, Sinnhaftigkeit und Ziele entwickeln.
  8. Offen bleiben und improvisieren können bei unvorhergesehenen Ereignissen.

www.tagderkranken.ch