Chiara Lubich (Mitte) 2004 in Bern, mit der damaligen Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz (links). (Foto: Marcel Caduff, Fokolar-Bewegung)
10.03.2018 – Hintergrund

Sie hat Menschen aller Generationen inspiriert

Vor 10 Jahren starb Chiara Lubich (1920–2008), die Gründerin der weltweiten Fokolar-Bewegung

Lässt sich das Vermächtnis und der Wunsch Jesu – die Einheit – auch in Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur umsetzen? Eine Frau des 20. Jahrhunderts hat dafür ihr Leben eingesetzt: Chiara Lubich.

Am 14. März vor zehn Jahren ist die Gründerin der Fokolar-Bewegung, Chiara Lubich, gestorben. In 182 Ländern, auch in der Schweiz, setzen sich heute Menschen aller Generationen, Kulturen, Religionen und ohne religiöses Bekenntnis in ihrem Umfeld für Solidarität und Gemeinschaft ein.

Begonnen hat alles im 2. Weltkrieg im norditalienischen Trient. Eine kleine Gruppe junger Frauen kümmert sich aus dem Impuls der christlichen Nächstenliebe um Menschen in Not. Sie teilen mit ihnen das wenige, das sie zu essen haben; sie besuchen sie und helfen ihnen unter Lebensgefahr, in die Luftschutzbunker zu fliehen. Einmal lesen sie im unsicheren Bunker bei Kerzenschein die Worte von Jesus: «Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.» (Joh 17,21) Sie verstehen, dass dies ihre Bestimmung ist.

Offen für andere Bekenntnisse

Davon wurde in kürzester Zeit eine wachsende Zahl von Menschen erfasst. Es entstanden versöhnende Begegnungen unter Angehörigen verschiedener Ordensgemeinschaften, Laien und Klerikern. Das Vertrauen der Verantwortlichen der Kirchen, die zunächst mit Skepsis auf diese neue Bewegung geschaut hatten, nahm zu bis hin zur offiziellen Anerkennung zuerst durch die katholische Kirche. Schon bald wurde Chiara Lubich im Auftrag des damaligen Papstes Paul VI. zu Athenagoras gesandt, dem orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel. Längst zuvor hatten sich ihr bereits Christinnen und Christen verschiedenster kirchlicher Gemeinschaften und Konfessionen angeschlossen. Später kamen auch Menschen verschiedener Religionen und solche ohne ein Glaubensbekenntnis dazu.

Die ersten Schweizerinnen und Schweizer, die in Berührung mit der Fokolar-Bewegung kamen, waren Reformierte. Sie fanden ihren Traum, das Wort Gottes mit ins Leben hineinzunehmen, in dieser neuen Gemeinschaft verwirklicht. Mit den grossen ökumenischen Begegnungen «Miteinander für Europa» 2004 und 2007 in Stuttgart setzte Chiara Lubich entscheidende Impulse und bearbeitete bisher wenig beachtete Begegnungsfelder auch mit kleineren Gemeinschaften und Vertretungen von Freikirchen. Davon profitierte der Dialog auch unter den Exponenten der grössten Konfessionsgemeinschaften.

Wirkung in der Politik

Chiara Lubichs Impulse wirken auch in die Politik. Sie sprach 1997 an der UNO-Vollversammlung und 2001 beim Kongress «1000 Städte für Europa», auf Einladung von Herwig van Staa, Präsident der Kammer der Gemeinden beim Europarat. In verschiedenen Ländern, auch in der Schweiz, entstand ein Netzwerk unter Politikern verschiedener Parteien, die dem konstruktiven Gespräch untereinander nicht ausweichen, sondern gemeinsame Lösungen entwickeln.

Angesichts der wirtschaftlichen Not und der enormen Unterschiede zwischen Arm und Reich hat Chiara Lubich das Projekt «Wirtschaft der Gemeinschaft» angestossen. Dazu gehören heute weltweit gut 800 Betriebe, die ihren Gewinn nicht nur für die Investition in den eigenen Betrieb brauchen, sondern auch für die Unterstützung der Armen und die Schulung von Menschen, die aus dem Geist der Solidarität heraus wirtschaften.

Brücken zu andern Religionen

Unvergesslich sind Chiara Lubichs Begegnungen mit Vertretern des Islam, buddhistischen Mönchen und Nonnen, Hindus und jüdischen Rabbinern. Überall gelang es ihr in erstaunlicher Weise, Brücken zu bauen. Aus der beeindruckenden Liste der Preise, die sie bekommen hat, seien drei erwähnt: 1977 Templetonpreis für den Fortschritt der Religion; 1996 Unesco-Preis für Friedenserziehung und 1998 Menschenrechtspreis des Europarates.

Trotz all dieser Ehren blieb sie stets ein Mensch, den man auch auf der Strasse begrüssen konnte. Sie hörte aufmerksam zu und teilte vor allem auch persönliche Erfahrungen, durch die sich Menschen aller Generationen angesprochen fühlten.

Mario Hübscher
Der Autor ist leitender Priester des Pastoralraums Olten.

www.fokolar-bewegung.ch