«De noche iremos, de noche …» – «In dunkler Nacht gehen wir, um die Quelle zu finden» (Johannes vom Kreuz). | © Dorothee Becker
06.12.2018 – Impuls

1 KORINTHER 2,7–10

Wir verkünden das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Nein, wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist.
Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.

Neue Einheitsübersetzung

 

Sehnsucht in der Mitte der Nacht

«De noche iremos, de noche que para encontrar la fuente, sólo la sed nos alumbra, sólo la sed nos alumbra …» – «In dunkler Nacht gehen wir, um die Quelle zu finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten …» – so der Text eines Gesangs aus Taizé, inspiriert von Texten des heiligen Johannes vom Kreuz.

Er hat das Dunkel erfahren, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Monatelang unter unmenschlichen Bedingungen in einer finsteren Kammer eingesperrt, schuf er hier seine schönsten Texte.

«Dieser ewige Quell ist verborgen
in diesem lebendigen Brot,
um uns Leben zu geben,
auch wenn es Nacht ist.
Er ruft herbei die Geschöpfe,
und sie sättigen sich an diesem Wasser auch im Dunkeln,
da es ja Nacht ist.
Diesen lebendigen Quell, den ich ersehne,
in diesem Brot des Lebens erblicke ich ihn schon,
wenn es auch Nacht ist.»

Den Lebensquell auch dann finden, wenn alles aussichtslos erscheint. Wenn es dunkel um mich herum ist, wenn ich nicht weiss, wie ich den Tag schaffen soll, woher ich die Kraft nehmen soll, am Morgen überhaupt aufzustehen. Viele Menschen kennen das. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Nach der Diagnose einer schweren, langwierigen oder gar lebensbedrohlichen Krankheit. In der Depression. Nach dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die dunkle Nacht kann viele Gründe haben. Und oft ist es so schwer, einen Sinn darin zu finden.

Wir glauben an einen Gott, der diese Erfahrung selbst gemacht hat. In Jesus Christus ist er Mensch geworden und hat die Leiden und Leidenschaften der Menschen geteilt. Passion. Am Kreuz ist Jesus selber durch die dunkle Nacht gegangen. Hat geschrien: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mt 27,46). Er ist durch die Nacht und die Finsternis des Todes gegangen. Bis zum Ende. Er hat sich nicht davor gedrückt. Und wir glauben, dass er von Gott wieder zum Leben erweckt wurde – wie auch immer das geschehen ist. Doch die Zeuginnen und Zeugen berichten davon.

Auch Johannes vom Kreuz hat Sinnlosigkeit in seinem Leben erfahren. Er hat sich selbst verloren und hat den neu gefunden, der ihn trägt. Der ihn sättigt und tränkt, der Leben spendet, auch wenn es Nacht ist. Das ist Gnade, das ist Geschenk, das kann niemand selbst machen.

Das ist ein Geheimnis, das wir mit dem Verstand nicht durchdringen können. Die Lesung zum Gedenktag des heiligen Johannes vom Kreuz ist ähnlich geheimnisvoll: «Wir verkünden, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.» Und die sich nach ihm sehnen, können wir ergänzen. Eine grosse Sehnsucht spricht aus den Texten des Johannes vom Kreuz: «Wo hast du dich versteckt, Geliebter, und hast mich seufzend zurückgelassen?»

Spüren wir in diesen Tagen der Sehnsucht nach. Der Sehnsucht nach Licht, nach Liebe, nach Frieden. In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tages. Auch und gerade im Advent.

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin, Pfarrei Heiliggeist, Basel