Wie Schmetterlinge habe es sich angefühlt, als sie das erste Mal spürte, wie sich das Kind bewegt, berichtet eine Mutter. (Foto: Luise/pixelio.de)
05.05.2018 – Hintergrund

Die Ambivalenz der Geburt

Schwangerschaft und Gebären – eine Zeit der Wunder und der Tabus

Das freudige Ereignis ist mit vielen Ängsten und Fragen verbunden. Kontrollen bedeuten aber nicht unbedingt mehr Sicherheit. Kerstin Rödiger, Spitalseelsorgerin am Universitätsspital Basel, engagiert sich dafür, der spirituellen Seite des Lebensanfangs Raum zu geben.

Wunder, Geheimnis – diese Begriffe sind schnell zur Hand, wenn es um Schwangerschaft und Geburt geht. Es sind Worte, die auf den spirituellen Aspekt hindeuten, aber dieser scheint den wenigsten bewusst zu sein. Als die katholische Theologin Kerstin Rödiger für eine Projektarbeit im Rahmen der Berufseinführung Mütter dazu befragte, hätten diese mit dem Begriff Spiritualität nichts anfangen können. Auf die Frage, was konkret geholfen hatte, die Unsicherheit auszuhalten, was Vertrauen gegeben hatte, kamen dann Antworten, die über Worte hinaus gingen. Eine viel grössere Rolle spielten Symbole wie Engel und Kerzen oder Rituale wie das Eincremen des wachsenden Bauches und das Aufsuchen bestimmter Orte.

Faszinierend und erschreckend

Jede Mutter weiss es aus eigener Erfahrung: Ein Kind zu erwarten und zu gebären hat viele schöne und freudige Seiten, aber die Geschichte hat auch erschreckende Kapitel. «Es gibt so viele Angstfaktoren», formuliert es Kerstin Rödiger, die selbst zweifache Mutter ist. Die Antwort der modernen Medizin ist Kontrolle, alles wird gemessen und gewogen. Das beantwortet zwar viele Fragen, wirft aber auch wieder neue auf und sorgt so für eine (erneute) Verunsicherung.

Es ist auch längst nicht alles kontrollierbar. Vieles bleibt verborgen, ist geheimnisvoll, unerklärbar, unsichtbar. Ihre eigenen Schwangerschaften, aber auch die Erfahrungen anderer Mütter haben in Rödiger die Überzeugung wachsen lassen, dass in der Geburt eine Begegnung mit dem Heiligen liegt. Sie verweist auf die Theorie, die der evangelische Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto 1917 in seinem Buch «Das Heilige» entwickelt hat. Das Heilige ist demnach ein Geheimnis, ein Mysterium, das zugleich faszinierend und erschreckend ist.

Auf Begriffe, die der verbale Ausdruck für den Bereich des Heiligen sein können, stösst man in Schilderungen von Schwangerschaft und Geburt häufig. Da ist vom Sinn, den alles hat, die Rede, vom Geheimnis des Lebens respektive des Frau-Seins, von Wunder, von Unbeschreiblichkeit. Die Geburt wird aber auch als Grenzerfahrung bezeichnet, als ein Ausser-sich-Sein, als Kontrollverlust und Ausgeliefertsein, Geburt kann für Mutter und Kind Todesnähe und manchmal auch Tod bedeuten.

Zu Schwangerschaft und Geburt gehören viele Emotionen, oft ambivalente, auch dann, wenn eigentlich alles gut läuft. Man freut sich auf den Nachwuchs, aber … Alle erwarten, dass man glücklich ist, aber … «Es gibt viele Tabuthemen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt», sagt Rödiger. Themen, über die man nicht spricht, höchstens mit anderen, welche die gleiche Erfahrung gemacht haben und sich dazu äussern.

Seinen Ort finden

Zu den stärksten Tabus überhaupt gehört der Umgang mit Fehlgeburten. Für viele sei es ein Fall ins Bodenlose, für manche bedeute der Verlust auch den Abschied vom Kinderwunsch überhaupt, gibt Rödiger zu bedenken. «Etwas, das vielleicht hilft, ist, dass die Trauer einen Ort findet», sagt sie. «Dass es aber auch seine Begrenzung hat und anderes seinen Platz erhält.» Neben ihrer Tätigkeit im Spital führt sie auch Gedenkfeiern für frühverstorbene Kinder durch.

Regula Vogt-Kohler

imvertrauenwachsen.com­

Anfang und Abschied

Ökumenische Segensfeier des Lebensanfangs
Freitag, 31. August, 17.30–18.15 Uhr, Bethesda­spital, Kapelle; Claudia Meier und Kerstin
Rödiger, Spitalseelsorgerinnen
Freitag, 7. Dezember, 19.00–19.45 Uhr, Basler Münster, Pfarrerin Caroline Schröder Field und Kerstin Rödiger

Erinnerungsfeiern
Friedhof am Hörnli in Riehen (BS): Gedenk- und Trauerfeier für frühverstorbene Kinder, ­jeweils am zweiten Dienstag nach Ostern
Friedhof Liestal: Gedenkfeier für frühverstorbene Kinder, jeweils am ersten Sonntag im ­November
Elisabethenkirche Basel: Gedenkfeier für Menschen, die um ein Kind trauern, jeweils am zweiten Sonntag im Dezember
Friedhof Sissach: Gedenkfeier für Menschen, die um ein Kind trauern, jeweils an einem Freitagabend im Herbst
Friedhof Pratteln: Gedenkfeier für Menschen, die um ein Kind trauern, jeweils am Samstagabend vor dem Ewigkeitssonntag (Sonntag vor 1. Advent)
gedenkenunderinnern.ch

Kontakt
Basel-Stadt: Kerstin Rödiger, Spitalseelsorgerin Universitätsspital Basel
Baselland: Marie-Theres Beeler, Spitalseelsorgerin Kantonsspital Liestal