21.02.2019 – Editorial

Reden und handeln

Am liebsten würde man Unangenehmes weit von sich schieben und sich mit ganz anderen Dingen beschäftigen. Mit schönen, positiven, heiteren. Seitdem sexueller Missbrauch
in der römisch-katholischen Kirche in erheblichem Masse publik wurde, gingen beim Pfarrblatt immer wieder Klagen darüber ein, dass wir dem heiklen Thema zu viel Platz einräumten. «Muss das denn sein?» lautet der Tenor dieser Reaktionen. «Reicht es denn nicht, wenn die anderen darüber berichten?»
Nein, das reicht nicht. Wenn sich etwas ändern soll, dann kann das nicht reichen. Es ist
ja nicht so, dass die anderen einfach etwas aufbauschen, weil sie der Kirche schaden wollen. Umgekehrt müssten wir uns aber den Vorwurf gefallen lassen, beim vertuschenden Schweigen mitzumachen, wenn Missbrauch im Pfarrblatt kein kritisch beleuchtetes Thema wäre.
Mit der Kinderschutzkonferenz, zu der Papst Franziskus Vorsitzende der Bischofskonferenzen weltweit nach Rom eingeladen hat, erhält das Thema Missbrauch in diesen Tagen eine globale Aufmerksamkeit. Neben der schwierigen Problematik an sich ist nicht zuletzt die globale Dimension eine besondere Herausforderung für das Gipfeltreffen.
Um ein Problem angehen zu können, muss es zuerst als solches erkannt werden. Das Bewusstsein, dass es Missbrauch gibt und dessen Bekämpfung hohe Priorität haben sollte, ist jedoch nicht überall im gleichen Masse vorhanden. Hans Zollner, als Leiter des Päpstlichen Kinderschutzzentrums eine zentrale Figur im Team, das die Konferenz vorbereitet hat, spricht in Interviews von grossen Unterschieden. Er erlebe zwar nicht, dass dagegen gearbeitet wird, doch es gebe sehr viel passiven Widerstand. Dies führt er nicht nur auf ein generelles Unwohlsein mit dem Thema zurück, sondern auch auf die Schwierigkeit, sich Fehler einzugestehen, und den Unwillen, Verantwortung zu übernehmen.
Dazu kommen kulturelle Unterschiede, verschiedenste Verständnisse von Nähe und Distanz, Sexualität, Gewalt, Kindheit, Autorität und Macht. «Das hat grossen Einfluss darauf, ob und wie Massnahmen gegen Missbrauch wirksam werden können», sagt Zollner. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, was vom Gipfeltreffen erwartet werden kann, schwierig zu beantworten. Mindestziel muss es aber sein, nicht nur über das Unangenehme zu reden, sondern auch über den nächsten Schritt: das Handeln.
Regula Vogt-Kohler