Auf jedem Zettel stehen Namen, Geschlecht, Alter, Herkunft und Todesumstände eines Flüchtlings. | © Christian von Arx
22.06.2020 – Aktuell

Jeder gestorbene Flüchtling hat einen Namen

«Im versiegelten Anhänger eines Lastwagens auf einer Fähre erstickt; von Schleppern über Bord geworfen; vom Kirchturm gesprungen aus Angst vor Abschiebung; erschossen; verhungert; überfahren; erstickt …» Was am 20./21. Juni in Basel in der Offenen Kirche Elisabethen laut gelesen wurde, 24 Stunden lang von Mittag bis Mittag, klang wie eine Litanei. Eine kaum auszuhaltende Liste von Menschen, die auf der Flucht nach Europa ihr Leben verloren haben. Manchmal stockte den Lesenden die Stimme.

Mehr als 40 000 Todesfälle von Flüchtlingen aus der Zeit seit 1993 hat ein europäisches Netzwerk dokumentiert, und es kommen immer mehr dazu. Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer. Ihre Namen auszusprechen, auf Zettel zu schreiben und so das zehntausendfache Sterben in und um Europa hörbar und sichtbar zu machen: Das schaffte die Aktion «Beim Namen nennen» letztes Jahr in der Heiliggeistkirche Bern, dieses Jahr gleichzeitig in Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich zum Weltflüchtlingstag.

«Es macht etwas mit einem, wenn man eine Stunde lang diese Namen und Geschichten aufschreibt, die Zettel aufhängt, vorliest oder hört», berichtete Sarah Biotti, Leiterin der Spezialseelsorge der Römisch-Katholischen Kirche Basel-Stadt. Monika Hungerbühler, Co-Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen, spürte die Bedrückung körperlich: «Es ist kaum erträglich.» Positives erlebte sie im OK: «Tausend Dinge waren zu organisieren, aber alles hat sich wie von Zauberhand ergeben.» Viele kirchlich oder politisch Engagierte machten mit, viele Passanten wurden erreicht. Zehntausende weisse Zettel vor der Elisabethenkirche trugen eine unendlich traurige Botschaft in die Stadt. Aber dass der Skandal nicht verschwiegen und vergessen wird, ist Hoffnung.

Christian von Arx

 

beimnamennennen.ch
unitedagainstrefugeedeaths.eu