Wüste, ein Ort des Mangels, wo unsere Abhängigkeit deutlich wird (Steinwüste in der Umgebung von Petra, Jordanien). | © Kristin Scharnowski/pixelio.de
27.12.2018 – Impuls

 

MATTHÄUS 19,16–17.20–21

Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! … Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!

Neue Einheitsübersetzung

In die Wüste geführt …

Antonius wird auch «der Wüstenvater» genannt. Er war ein Mann, der im wahrsten Sinne des Wortes von Gott in die Wüste geführt wurde. Schon mit zwanzig Jahren soll er sein Elternhaus und seinen ganzen Besitz verlassen haben, um in der Einsamkeit der Wüste ein mit Gott verbundenes Leben zu führen.

Auch von Jesus wissen wir, dass er zunächst allein in der Wüste war. Und später wird uns berichtet, dass er sich oftmals zurückgezogen hat. Er hat bewusst die Einsamkeit aufgesucht, um mit Gott – dem Vater – allein zu sein; um zu beten, um Kraft zu tanken – auch wenn ihm das meist nicht lange vergönnt war und er immer gleich wieder zurückgerufen wurde zum Dienst an den Menschen.

Sehnen wir uns heute nicht auch manchmal nach «Wüstentagen», nach «Auszeiten» oder «stillen Tagen»? Als Christen brauchen wir wenigstens zeitweise kleine «Oasen», Wüstenzeiten des Alleinseins, der Ruhe, der Selbstfindung – in Gottverbundenheit; schlicht und einfach: Zeiten des Gebets.

Selbstverständlich ist es aber dennoch nicht, dem Geist Gottes Raum zu geben und ihm in die Wüste zu folgen. Es gibt viele Gründe, der Wüste auszuweichen. Vielleicht kommen in der Stille, bei einem «Wüstentag», Themen in mir hoch, denen ich mich dann stellen muss. Das können auch schwierige Themen sein – bei Antonius wird uns von Versuchungen durch Dämonen und Irrlehrer berichtet. Es war nicht nur Gottes Stimme, die zu ihm gesprochen hat. Es gab auch andere Stimmen, mit denen er sich auseinandersetzen musste.

Oft verspürt man in der Wüste auch einfach nur Durst und Sehnsucht. Man spürt Einsamkeit und das eigene Ungenügen. Wer in die Wüste geht, der begegnet seinen Grenzen. Ja, Wüste steht nicht nur für Sammlung und Gottesbegegnung. Wüste bedeutet auch (und vielleicht zuerst) Entbehrung und Mangel. Sie ist kein Ort des Überflusses, sondern ein Ort des Mangels – ein Ort, an dem unsere Abhängigkeit deutlich wird.

Manchmal sprechen wir davon, jemanden «in die Wüste zu schicken». Das klingt abwertend und bedeutet: Den will ich loswerden. Aber wenn Gott einen Menschen in die Wüste führt, wenn Gott uns einlädt, allen Überfluss loszulassen, dann macht er das nicht, weil er uns loswerden will. Er macht das nicht, weil er uns irgend etwas vergönnt, sondern weil er uns bei sich haben will, und auch weil er will, dass wir zu uns finden; weil er will, dass wir die wahre Fülle, das wahre Leben finden.

Als Gott sein Volk Israel aus dem ägyptischen Sklavenhaus befreite, hat er es zuerst in die Wüste geführt. Vielleicht wollte er, dass das Volk erstmal eine Besinnungszeit hat – eine Zeit, in der es das Alte hinter sich lassen kann, um offen zu werden für das verheissene Land.

Jeder, der in der Christusnachfolge bereit ist, alles Gott zu überlassen, wird erfahren, was die Heilige Schrift versichert: «Jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben erben.» (Mt 19,29)

Nadia Miriam Keller, Theologin, ursprünglich Pflegefachfrau, arbeitet in der Pfarrei St. Odilia, Arlesheim

 

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