Arbeiten, Schule und Spielen zu Hause: Das bringt Eltern ans Limit und belastet auch die Partnerschaft. | © Regula Vogt-Kohler
12.04.2020 – Aktuell

Bei Eheproblemen in der Coronakrise kommt Hilfe übers Telefon

Die Ehe- und Partnerschaftsberatung hat auf Telefon und Videochat umgestellt

Die Coronakrise ist auch für Ehen und Partnerschaften ein Stresstest. Bei Andrea Gross, Ehe- und Partnerschaftsberaterin im Auftrag der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Basel-Landschaft (RKLK BL), häufen sich die Anfragen.

Zum Auftakt eine Entwarnung: Wenn man einander nach mehr als zwei Wochen Lockdown auf die Nerven gibt, so muss man sich noch keine Sorgen machen. Das sei in einer solchen Situation normal, sagt Andrea Gross von der Ehe- und Partnerschaftsberatung der RKLK BL. Wenn man sich (noch) über den Partner oder die Partnerin nerve, sei das eigentlich ein gutes Zeichen. «Die Probleme, die jetzt zu Tage treten, sagen nichts aus über die Qualität einer Beziehung», sagt Gross. Die sich nun manifestierenden Schwierigkeiten besagen vielmehr, dass Beziehungen auf die spezielle Situation reagieren.

Ausweichen geht nicht mehr

Für Beziehungen, die bereits vor der Corona-Pandemie in einer ernsthaften Krise steckten, ist die unfreiwillige häusliche Isolation eine zusätzliche Belastung. «Die Not ist gross», sagt die Paarberaterin. Allein über das vorletzte Wochenende seien drei neue Anfragen für eine Langzeitberatung eingegangen. Das sei ungewöhnlich. Manchem Paar werde in der aktuellen Situation klar, dass es nun der persönlichen Problematik nicht mehr ausweichen könne, und beschliesse, jetzt etwas zu unternehmen.

Per Telefon oder Video

Die Beratungstermine finden wegen Corona nicht mehr vor Ort in Muttenz statt, sondern werden per Telefon oder Videochat durchgeführt. Die meisten geben dem Telefon den Vorzug. Gross erklärt sich das damit, dass vielen Videochats nicht vertraut seien und man deshalb lieber auf Bekanntes zurückgreife. Auch privat gehe wieder mehr übers Telefon.

Via Telefon oder Video zu beraten funktioniere, aber es sei eine andere Art zu arbeiten. Es fehle alles, was Menschen auf nonverbale Weise ausdrücken. «Es ist alles sehr verlangsamt», beschreibt Gross das Prozedere. Die Hausaufgaben, welche die Klienten bis zum nächsten Beratungstermin zu erledigen haben, verschickt sie per Mail. «Es braucht viel Zeit und Goodwill», sagt Gross. Man müsse sich darauf einlassen.

Strukturen in der Coronakrise

Was können die Glücklicheren, die «nur» unter der Coronakrise leiden, tun, um die Herausforderung ohne Schaden für Ehe und Partnerschaft zu überstehen? «Es braucht neue Verhaltensweisen, und es braucht eine Zeit der Anpassung», sagt Gross. Wenn man sich praktisch über Nacht im Hausarrest wiederfindet, ist man zunächst einmal unvorbereitet mit einer neuen Situation konfrontiert. Und ja: Wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten und zugleich noch ihre Kinder betreuen und unterrichten müssen, so bedeutet das eine Belastung bis ans Limit und darüber hinaus. Ganz zu schweigen davon, wenn mit Lohneinbussen oder gar dem Verlust des Arbeitsplatzes zu rechnen ist. Aber auch für Paare ohne Nachwuchs kann die ständige Anwesenheit des Partners zur Nervenprobe werden. Dazu kommt natürlich für alle die schwer einschätzbare Bedrohung durch das neue Virus.

Besonders schwierig wird es, wenn es schon die räumlichen Verhältnisse verunmöglichen, einander aus dem Weg zu gehen. Gross rät besonders in solchen Konstellationen dazu, den Tagesablauf gut zu strukturieren und dabei auch getrennte Aktivitäten einzelner Mitglieder oder Teile der Familie einzuplanen. «Man muss nicht alles gemeinsam machen», sagt Gross.

Positive Erfahrungen mitnehmen

Für die Ehe- und Partnerschaftsberaterin selbst hat der vom Coronavirus diktierte neue Alltag auch seine guten Seiten. Sie ist mit Ehemann und Sohn zu dritt in einem Haushalt und erledigt einen Teil ihrer Arbeit im Homeoffice. Weil Diskretion bei ihrer Tätigkeit gefragt sei, sei es gut, dass genügend Platz zur Verfügung stehe, um in getrennten Räumen arbeiten zu können.

Leben und arbeiten in der häuslichen Quarantäne findet sie nicht so schlimm. Der Tagesablauf sei nun sehr regelmässig, mit gemeinsamen Mahlzeiten und Spaziergängen, was vorher nicht möglich gewesen sei. Sie glaube, dass von den guten Erfahrungen etwas übrigbleiben werde.

Und manche Paare, die sich reif für eine Beratung wähnten, kämen zum Schluss, dass es mit Corona ein Problem von grösserer Dimension gebe als ihre eigene Beziehungskrise.

Regula Vogt-Kohler