Unter der Linde. (Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de)
16.06.2018 – Impuls

Ezechiel 17,22–24
So spricht Gott, der Herr: Ich selbst nehme ein Stück vom hohen Wipfel der Zeder und pflanze es ein. Einen zarten Zweig aus den obersten Ästen breche ich ab, ich pflanze ihn auf einen hoch aufragenden Berg.
Auf die Höhe von Israels Bergland pflanze ich ihn. Dort treibt er dann Zweige, er trägt Früchte und wird zur prächtigen Zeder. Allerlei Vögel wohnen darin; alles, was Flügel hat, wohnt im Schatten ihrer Zweige.
Dann werden alle Bäume auf den Feldern erkennen, dass ich der Herr bin. Ich mache den hohen Baum niedrig, den niedrigen mache ich hoch. Ich lasse den grünenden Baum verdorren, den verdorrten erblühen. Ich, der Herr, habe gesprochen, und ich führe es aus.

Einheitsübersetzung

Gottes grüner Daumen

Dort steht sie! Schaut sie an! Bewundert sie in ihrer einzigartigen Pracht! Strahlend, lindenblütenweiss steht sie dort, eine wahre Augenweide, die Linde beim Bahnhof Aesch, zwischen dem Perron und dem Wendeplatz der Postautolinie 68, am Morgen des 3. Juni, kurz nach 8 Uhr. Ein wahrhaft sonntäglicher Anblick. Als ich knapp zwölf Stunden später heimkehrte, stand sie immer noch da, genauso entzückend, und verströmte zu allem Überfluss ihren zarten, berauschenden Duft. Dazu das gleichmässige Summen und Sirren der Bienen und Insekten, die im abendlichen Sonnenlicht ihrer Arbeit nachgingen. Drumherum das Schwatzen und Lärmen der Spatzen. Wer mag sie gepflanzt haben, diese Linde, vor wie vielen Jahren? Wer mag dafür gesorgt haben, dass sie eine so ebenförmige Krone entwickeln konnte? Wird jemand ihre Blüten einsammeln und trocknen und als heilsamen Lindenblütentee aufbrühen, zur Linderung gegen Fieberschübe, bei winterlichen Erkältungen, Kranke zum Gesundschwitzen bringend?

So etwas von lebensprall und würdevoll, dieser Lindenbaum. «Und weiss nicht wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht», kommentiert das Evangelium. Derweil freue ich mich im Klostergarten über die Nussbäume, an denen wieder reichlich junge Früchte hangen – es wird ein Bubenjahr! – und an den Birnen am Spalier, den Kirschen, den Reben, den Zwetschgen und Mirabellen und Reineclauden … Es scheint, als möchten sie kompensieren, was ihnen letztes Jahr durch den Kälteeinbruch in der Osterwoche verloren ging. «Was durch die Kräfte der Natur und die Mühe des Menschen gewachsen ist», heisst es im Wettersegen, einfach und wahr. Wenn jetzt nur nicht der Hagel dreinfährt!

Weltfremde Romantik? In der gleichen Woche hat der Chemiegigant Bayer für über 65 Milliarden Dollar den Saatgutriesen Monsanto übernommen und wird damit zum grössten Agroindustriekomplex der Welt, der auch gleich die Pestizide liefert, «Pflanzenschutzmittel» genannt, damit die Ernten noch üppiger ausfallen und die Erträge noch reicher fliessen. Natürlich auch, damit die hungrigen Mäuler der wachsenden Weltbevölkerung gestopft werden können, da gibts nichts zu kritisieren und nichts zu beschönigen. Die Linde beim Bahnhof Aesch und die lebenslustigen Spatzen in ihrem Geäst – dürfen sie noch sein in einer Zukunft, in der die Agrochemie und das Renditedenken den Tarif durchgeben? Finden sie den Lebensraum, der ihnen zusteht und der ihnen mehr bietet als ein dürftiges Überleben?

Die blühende Linde in Aesch und die Zedern des Libanon! Der Bahnhofvorplatz von Aesch und das Bergland Israels! Der Abt von Mariastein und der Prophet Ezechiel! Für alles und jeden gibts einen Platz im Garten Eden. Wie schön ist es, Gott vorgestellt zu bekommen als Landschaftsgärtner, als Baumwärter und Winzer, als Gemüsebauer und Beerenfarmer, als Förster und Blumenliebhaber, einer, der sein Metier versteht und mit seinem grünen Daumen das Beste aus Pflanzen, Bäumen und Büschen, aus den Trieben und Schösslingen, aus Saatgut, Beeten und Pflanzplätzen herauszuholen versteht, der mit dem Blick des erfahrenen, geduldigen Experten die Erde pflegt und hegt, um sie in sein Paradies zu verwandeln. So schön kann das Reich Gottes sein.

Abt Peter von Sury, Mariastein