Die Geistkraft, die aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht (St.-Jakobus-Kirche in Urschalling, 14. Jh.). | © Foto Berger, Prien am Chiemsee
20.05.2021 – Impuls

Gott zeigt sich in vielen Bildern

Buch der Weisheit 7,21–23

Alles Verborgene und alles Offenbare habe ich erkannt; denn es lehrte mich die Weisheit, die Werkmeisterin aller Dinge. In ihr ist nämlich ein Geist, vernunftvoll, heilig, einzigartig, mannigfaltig, zart, beweglich, durchdringend, unbefleckt, klar, unverletzlich, das Gute liebend, scharf, nicht zu hemmen, wohltätig, menschenfreundlich, fest, ­sicher, ohne Sorge, alles vermögend, alles überschauend und alle Geister durchdringend, die gedankenvollen, reinen und zartesten.       

Einheitsübersetzung 2016

 

Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Ganz im Anfang, bevor alles entstand. So heisst es im zweiten Satz der Schöpfungsgeschichte. Dort steht «Ruach», Hauch, Atem, Wind, Geistkraft. Die Ruach beseelt und belebt alles, was ist und was sein wird. Sie ist die Kraft, die alles möglich macht. Sie ist diejenige, die uns durchdringt, durchliebt, zum Guten führt.

Die Geistkraft als die weibliche Seite Gottes. Eine Vorstellung, die hilfreich und für die Gottesbeziehung existenziell sein kann. Geschaffen sein nach Gottes Bild – wie soll ich als Frau mich so verstehen können, wenn weitgehend in männlichen Bildern von Gott gesprochen wird? Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gott, Herr, König, Hirte. Wo sind andere Bezeichnungen für Gott, die das Gottesbild, das wir uns zwangsläufig machen, erst vollständig werden lassen? Mutter, Hebamme, Hirtin. Pflegende, Sorgende, Heilende, Liebende. Bäckerin, Gärtnerin, Weberin. Bilder, die andere Aspekte Gottes aufnehmen und in denen sie uns auf andere Weise entgegenkommt.

Die Darstellung der Dreifaltigkeit verdeutlicht diesen Gedanken auf einzigartige Weise und macht ihn sichtbar. Die Geistkraft geht aus Gott Vater und Gott Sohn hervor und sie nehmen sie in ihre Mitte. Halten sie zärtlich. Sie hat weibliche Züge. Und auch die Pfingstsequenz betont die zärtliche, nährende und heilende Seite der Geistkraft. Annette Jantzen hat diese Bilder noch einmal anders übersetzt in ihrer

Pfingstsequenz – weiblich

Komm herab, o Lebenskraft
die im Dunkel Licht erschafft,
die das All erhaltend webt.

Komm, die unsre Welt durchdringt,
die in uns von Hoffnung singt,
deren Atem uns belebt.

Komm, die voller Liebe brennt,
komm, die mich beim Namen nennt,
komm, die Leben wachsen lässt.

Was zerrissen, webst du neu,
was verloren, hältst du treu,
Armut wandelst du zum Fest.

Komm, des Unrechts Klägerin,
gib uns Mut zum aufrecht steh‘n,
bleib uns in der Hoffnung nah.

Frieden und Gerechtigkeit
nähre neu in unsrer Zeit
Ewige, unfassbar da.

Freundin, Schwester, Retterin,
meines Lebens Schöpferin
brausend wie ein Wort im Wind.

Die uns in Gemeinschaft birgt
mütterliche Liebe wirkt,
Weisheit zur Entfaltung bringt.

Die uns hin zur Güte lenkt,
heilt und tröstet, hält und drängt,
Du, die uns so ewig liebt.

Die die Tränen trocknen wird
und uns in die Freiheit führt,
mächtig deinen Segen gib.

Amen. Halleluja.

Annette Jantzen, Frauenseelsorgerin im Bistum Aachen

 

Wie sähe unsere Welt, unsere Kirche aus, wenn wir dieses Wirken der Geistkraft in uns zuliessen? Wenn wir uns in allem, was wir denken und tun, von ihr leiten liessen? Wenn sie uns und die Welt erfüllen würde?

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin. Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Franziskus, Riehen-Bettingen