Seelsorge am Ama­zonas: Der 2013 verstorbene italienische ­Salesianermissionar Luis Bolla (Mitte) mit zwei Achuarindianern, die zu Diakonen geweiht wurden. | © Martin Steffen/Adveniat
15.08.2019 – Aktuell

Globale Auswirkung erwünscht und gefürchtet

Das Amazonasgebiet ist wichtig für das Weltklima und die Weltkirche

Bei der Amazonassynode geht es ebenso um Fragen der Seelsorge wie der Ökologie. Immer wieder verweist das Arbeitsdo­kument auf die 2013 erschienene Umwelt­enzyklika «Laudato si’». Die Ausbeutung der Amazonasregion erscheint dabei als Beispiel der von Papst Franziskus beklagten «Wegwerfkultur».

 

Als CO2-Speicher, Süsswasserreservoir und Hotspot der Biodiversität sind die Ökosysteme im Amazonasbecken nicht nur für die Region, sondern für die gesamte Menschheit von existenzieller Bedeutung. Der Reichtum der Wälder und Flüsse Amazoniens sei durch grosse ökonomische Interessen bedroht, hält das Arbeitspapier zur Amazonassynode fest. Das masslose Wachstum der Viehzucht, der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Holzfällerei habe nicht nur ökologische Schäden zur Folge, sondern auch das soziale und kulturelle Leben verarmen lassen. Eine Bedrohung komme aber auch durch die «Perversion gewisser politischer Richtungen», welche die Bewahrung der Natur fördern, ohne die Menschen, die in diesen Gebieten leben, zu berücksichtigen.

Innerkirchliche Themen sind mehr Aufmerksamkeit für indigene Traditionen und die Seelsorge in dem riesigen und schwer zugänglichen Areal. Dabei sollen auch die Weihe verheirateter Familienväter, die Übertragung von Leitungsaufgaben an Laien und neue Ämter für Frauen diskutiert werden. Es sei auch notwendig, dem indigenen und aus der Gegend stammenden Klerus unter Berücksichtigung seiner eigenen kulturellen Identität und Werte Rückendeckung zu geben, heisst es im Arbeitspapier.

Die mit der Amazonassynode verbundenen Erwartungen haben kontroverse Reaktionen ausgelöst. Während die einen auf die Zulassung der Frauen zu Weiheämtern und die Aufhebung des Pflichtzölibats hoffen, befürchten andere eine aus ihrer Sicht unerwünschte Reform der Weltkirche unter dem Deckmantel einer regionalen Synode.

Regula Vogt-Kohler

 

Stimmen der Hoffnung und der Kritik

Erwin Kräutler, emeritierter Bischof der brasilianischen Diözese Xingu-Altamira: Kräutler sieht die Lösung in neuen Zugängen zum Weiheamt für verheiratete Männer und Frauen. Der Papst könnte in seinem Schreiben nach der Synode Bischöfen oder den regionalen Bischofskonferenzen in Amazonien freistellen, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Frauen sollen wenigstens Diakoninnen werden können, und in einem nächsten Schritt soll sich die Kirche auch für das Weihepriestertum für Frauen öffnen. Wirklichkeit werden sollen die neuen Zugänge zum Weiheamt zuerst in Amazonien, die Zeit sei aber auch in anderen Weltregionen reif dafür.

Erwin Kräutler war von 1981 bis 2015 Bischof des Bistums Xingu und gilt als «Amazonasbischof». Als Bischof von Xingu und als Präsident des Cimi, des Indianermissionsrates der Brasilianischen Bischofskonferenz, kämpfte und kämpft Kräutler für die Rechte der Ureinwohner und der Landlosen im Amazonasgebiet und für den Schutz des Regenwaldes.

 

Claudio Hummes, emeritierter Kardinal und früherer Erzbischof von São Paulo: «Wir brauchen dringend Neues, ohne Angst und Widerstand», sagte Hummes in einem Interview der Jesuitenzeitschrift «Civiltà Cattolica» (auf Deutsch in «Stimmen der Zeit» erschienen). «Alt und neu müssen sich verbinden.» Die Vergangenheit sei nicht versteinert, sie müsse immer Teil der Geschichte bleiben. Zum kolonialen Erbe, das Teil der lateinamerikanischen Vergangenheit ist, meint er: «Der Papst verurteilt jede Form von Neokolonialismus und ermahnt die Kirche, nicht dessen Geist und seine Praxis in ihrer evangelisierenden Mission umzusetzen. Der Papst ruft auf, dass die Kirche die indigenen Völker nicht kolonisiert in ihrem Glauben und in ihrer Spiritualität.» Die Evangelisierung der indigenen Völker solle zum Ziel haben, für die indigenen Gemeinden eine indigene Kirche zu bilden, in der sie ihren Glauben mittels ihrer Kultur und Identität, ihrer Geschichte und Spiritualität zum Ausdruck bringen können, sagt Hummes.

Deutliche Worte spricht Hummes zur Ausbeutung des Amazonasgebiets: «Man kommt, um auszunutzen und um mit vollen Koffern wieder abzureisen, wobei man die örtliche Bevölkerung erniedrigt und sie in Armut zurücklässt. Die Menschen verelenden und finden sich auf einem verwüsteten und verschmutzten Heimatboden wieder.»

Claudio Hummes ist Präsident des kirchlichen Panamazonien-Netzwerks Repam (Rete Ecclesiale Panamazzonica) und hat als Hauptberichterstatter der Synode eine Schlüsselfunktion für die inhaltliche Arbeit inne.

 

Walter Brandmüller, Kurienkardinal: «Niemand, der die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche aufmerksam beobachtet, wird im Ernst glauben, dass es bei der Synode im Oktober wirklich um das Schicksal der Amazonaswälder und ihrer Bewohner – es sind nicht mehr als gerade die Hälfte der Einwohner von Mexiko-City – gehen soll.» Der 90-jährige deutsche Kardinal schreibt dies in einem Gastbeitrag für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Auf dem Etikett stehe «Amazonas», der Geist in der Flasche heisse jedoch anders: «radikaler Umbau der Kirche nach dem bekannten Programm».

Der Kirchenhistoriker Walter Brandmüller war langjähriger Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft und wurde 2010 zum Kardinal ernannt. Er gilt als kirchentreu und konservativ, was ihn nicht davon abgehalten hat, Papst Franziskus und dessen Vorgänger Benedikt XVI. zu kritisieren.

 

Gerhard Ludwig Müller, Kardinal: In einem Aufsatz, der zeitgleich in vier verschiedensprachigen Medien erschienen ist, kritisiert Müller, dass der synodale Weg in Deutschland mit der Amazonassynode verknüpft werde. Der synodale Weg des kirchlichen Establishments in Deutschland ziele auf eine weitere Verweltlichung der Kirche. Und bezüglich Amazonassynode meint Müller: «Man benutzt die neutral und schön klingende Vokabel von der ‹heilsamen Dezentralisierung› und der Entromanisierung der katholischen Kirche, meint aber die Alleingeltung einer Amazonasmythologie und westlichen Ökotheologie statt der Offenbarung und die Alleinherrschaft ihrer Ideologen statt der geistlichen Autorität der Nachfolger der Apostel im Bischofsamt.»

Gerhard Ludwig Müller war von 2012 bis 2017 Leiter der Römischen Glaubenskongregation. Papst Franziskus verzichtete auf eine mögliche Verlängerung der Amtszeit.

 

Pirmin Spiegel, Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor: Zur Kritik der beiden deutschen Kardinäle hält er in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA fest: «Es ist gut, dass die Kardinäle Brandmüller und Müller klar und deutlich zum Ausdruck bringen, was nicht wenige andere untereinander denken und sagen. Dies ermöglicht einen aufrichtigen Dialog und eine aufrichtige Debatte.» Die Synode über Amazonien, wie sie vorbereitet und im Arbeitsdokument vorgestellt werde, stelle eine Veränderung gegenüber dem Modell einer Kirche dar, das den christlichen Glauben mit der westlichen Kultur identifiziert habe. «Auf der Synode geht es darum, die Ämterfrage nicht abstrakt um irgendeiner Reform willen zu diskutieren, sondern um den heutigen Bedrohungen des Lebens von Menschen und Natur als Kirche besser begegnen zu können.»

Pirmin Spiegel war früher als Priester in Brasilien tätig und hat an den Vorbereitungen zur Synode mitgewirkt. Das deutsche Hilfswerk Misereor gehört dem kirchlichen Panamazonien-Netzwerk Repam (Rete Ecclesiale Panamazzonica) an.

 

Bernd Hagenkord, Redaktionsleiter von Vatican News: Der Jesuit warnt in einem Interview mit der Kooperationsredaktion österreichischer Kirchenzeitungen vor zu grossen Erwartungen, wie zum Beispiel jener, dass nun das Pflichtzölibat fallen könnte. Bei der Bischofsversammlung werde es um Massnahmen für die Menschen in Amazonien gehen – «nicht um die Frage Zölibat Ja oder Nein», da sich die Seelsorge vor Ort nicht darauf reduzieren lasse, sagte Hagenkord. Das Arbeitsdokument sei bei Fragen hinsichtlich einer möglichen Priesterweihe für ältere verheiratete Familienväter sehr zurückhaltend und ziele auf ganz konkrete Situationen ab. In Amazonien stellten sich sehr wohl Fragen rund um den Priestermangel, der aber ganz anders aussehe als bei uns, sagte Hagenkord unter dem Eindruck einer gerade beendeten Brasilienreise.

Auswirkungen jenseits von Amazonien könnte die Kirchenversammlung durchaus haben «und das ist auch so gewollt», schliesslich spreche ja auch das Synodenarbeitspapier von einem «Testcharakter». Das heisse, was an der Amazonassynode mit regionalem Blick besprochen werde, müsse nicht regional bleiben.

Bernd Hagenkord ist Jesuitenpater und Priester, Journalist und Blogger. Er war langjähriger Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan und ist seit 2017 leitender Redaktor von Vatican News.      

rv