Joseph M. Bonnemain (links), Sekretär, und Toni Brühlmann, Präsident des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» | © zvg
26.02.2019 – Aktuell

Für professionelle Fachgremien und Öffentlichkeit

Ein erster Kommentar zum Anti-Missbrauchsgipfel in Rom aus Sicht des Fachgremiums der Schweizer Bischofskonferenz

Unter dem Titel «Ein verfrühter Kommentar» veröffentlichten Toni Brühlmann und Joseph M. Bonnemain, Präsident und Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), am Sonntagabend, 24. Februar, einen ersten Kommentar zum Treffen über den Schutz von Minderjährigen in der Kirche vom 21. bis 24. Februar 2019 in Rom. Nachfolgend der vollständige Wortlaut.

Anlässlich der Eröffnung der Konferenz sagte der Papst: «Das heilige Volk Gottes schaut auf uns und erwartet von uns nicht einfache selbstverständliche Verurteilungen, sondern konkrete und wirksame Massnahmen, die zu erstellen sind. Es braucht Konkretheit.» In den letzten drei Tagen haben die Konferenzteilnehmenden viel gesprochen, zugehört, beraten, gebetet und verschiedene konkrete Handlungsmassnahmen vorgeschlagen. Wenn es nur dabei bleiben würde, wäre dies ein Hohn und ein weiterer Missbrauch der Opfer. Unter dieser Perspektive ist es einsichtig, dass es im jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist, eine Analyse über das Ergebnis, die Wirksamkeit und die Nachhaltigkeit dieses Treffen zu machen. Erst in einigen Monaten wird man die Tragweite diese Versammlung ermessen können.

Ein hinkendes Ziel

Das Treffen hat unter der Bezeichnung «Schutz der Minderjährigen in der Kirche» stattgefunden. Allein diese Wortwahl bringt eine eingeengte Perspektive zum Vorschein, welche nicht ganz adäquat ist, um die Seuche der sexuellen Übergriffe im kirchlichen Umfeld auszurotten.

In seiner Schlussansprache erklärte Papst Franziskus, dass die Missbräuche an Minderjährigen «immer Folge von Machtmissbrauch, der Ausbeutung der schwächeren Position der wehrlosen missbrauchten Person, welche die Manipulierung ihres Gewissens und ihrer psychischen und körperlichen Schwachheit ermöglicht», sind. Diese Aufdeckung der Grundursache des Übels sollte zu einer umfassenderen Sicht führen. Im kirchlichen Kontext werden nicht nur Minderjährige Opfer von sexuellen Übergriffe: Auch erwachsene Frauen und Männer befinden sich in einer seelsorglichen Beziehung in einer schwächeren Position. Aufgrund des entstandenen Abhängigkeitsverhältnisses besteht ein Gefälle in der Beziehung, und die Verantwortung für die Grenzüberschreitungen liegt immer bei den Seelsorgenden. Die Bekämpfung der sexualisierten Gewalt in der Kirche darf sich nicht auf die Minderjährigen beschränken. Die Überwindung des spirituellen Missbrauchs in allen Formen und auf allen Ebenen muss ein prioritäres Ziel werden.

Umsetzung von Vorschlägen

Die Teilnehmenden am Treffen haben eine klare und mutige Sprache gesprochen und auch klare und kühne Massnahmen vorgeschlagen. Jetzt kommt die Stunde ihrer konsequenten Umsetzung. Mit Worten des Papstes: die Opfer verdienen, dass man ihnen zuhört, mir ihnen «Zeit verschwendet», ihnen glaubt und sie ernst nimmt, sie begleitet und ihnen Nähe schenkt. Die Voten der einzelnen Referierenden waren deutlich: Es ist erforderlich, autonome Fachgremien von Professionellen verschiedener Disziplinen zu bilden, um die Opfer zu begleiten, aber auch um Täter sowie vertuschende Bischöfe und Hirten, welche ihre Vorbeugungspflichten vernachlässigen, zu richten. Transparenz ist das Gebot der Stunde: Die kirchlichen Disziplinarvorkehrungen, die Prozesse, die Urteile müssen öffentlichen Zugang erhalten. Die Entklerikalisierung und die Professionalisierung aller Schutz-, Betreuungs- und Strafvorgänge dürfen nicht aufgeschoben werden. Solche Einrichtungen könnten interdiözesan oder national sein. Zugleich hat der Papst in seiner Schlussansprache auch betont: «Ich möchte hier wiederholen, dass ‹die Kirche keine Mühen scheuen wird, alles Notwendige zu tun, um jeden, der solche Verbrechen begangen hat, der Justiz zu unterstellen. Die Kirche wird nie versuchen, einen Fall zu vertuschen oder unterzubewerten›.»

Beim Thema Prävention lässt die Feststellung des Papstes in seiner Schlussansprache keinen Zweifel: «Im Besonderen muss ein neuer wirksamer Ansatz zur Prävention in allen Einrichtungen und Bereichen kirchlicher Tätigkeit entwickelt werden.». Diese Woche findet die ordentliche Versammlung der SBK statt, was ideal ist, um zur Tat zuschreiten. Das Fachgremium der SBK «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» hat in der Erfüllung des erhaltenen Auftrages eine ganze Reihe von Präventionsmassnahmen erarbeitet und diese in eine neue Auflage der «Richtlinien der Bischofkonferenz und der Vereinigung der Höhern Ordensoberen der Schweiz» eingearbeitet. Beide Institutionen haben diese bereits genehmigt, nun kann ihrer Veröffentlichung hoffentlich anfangs März als eine konkrete Frucht des römischen Treffens betrachtet werden. Unter anderen sind klare Massstäbe festgehalten für die Auswahl, Aufnahme und Ausbildung von Seminaristen, Kandidatinnen und Kandidaten für das Ordensleben und anderen Studierenden im Bereich der Seelsorge, Theologie und Religionspädagogik.

Befreiung von jeglicher Überhöhung

Für den Papst steht nicht die Institution an erster Stelle, sie muss vom hohen Podest heruntergebracht werden: «Das Hauptziel jeder Maßnahme besteht darin, Kinder zu schützen und zu verhindern, dass sie Opfer psychischer und physischer Gewalt gleich welcher Art werden. Daher ist ein Mentalitätswechsel erforderlich, um die Abwehrhaltung zum Schutz der Institution zu bekämpfen und so eine aufrichtige und entschlossene Suche nach dem Wohl der Gemeinschaft zu fördern. Hierbei ist den Opfern von Missbrauch in jeder Hinsicht Vorrang einzuräumen.»

Auch die Überhöhung des Klerikerstandes muss überwunden werden, und dies erfordert eine neue Art der Ausbildung. Jeder Mensch als Gottes Abbild ist schliesslich heilig und besitzt eine unantastbare Würde, dies hat der Papst auch in seiner Abschlussansprache erklärt: «Das Verhalten, der Blick, die Gedanken der Jünger und Diener Jesu müssen das Abbild Gottes in jedem Menschen, angefangen bei den ganz unschuldigen Geschöpfen, erkennen können. Nur aus dieser radikalen Achtung der Würde des Nächsten heraus können wir ihn vor der allgegenwärtigen Macht von Gewalt, Ausbeutung, Missbrauch und Korruption verteidigen und ihm auf glaubwürdige Weise helfen, menschlich und geistlich ganzheitlich zu wachsen in der Begegnung mit den Mitmenschen und mit Gott.» Die Kleriker und die geweihten Menschen — Päpste, Bischöfe und Ordensoberen inbegriffen – sollten sich nicht als etwas Besonderes, als sakraler und heiliger als das Fussvolk Gottes betrachten. Eine ehrliche, demütige und bescheidene Kirche – Kirche sind wir alle — wird am besten den Horror der sexuellen Übergriffe überwinden können. Fast am Ende seiner Ansprache gab der Papst seiner diesbezüglichen Hoffnung Ausdruck: «Eben dieses heilige Volk Gottes wird uns vom Übel des Klerikalismus befreien, der den fruchtbaren Boden für all diese Gräuel bildet.»

Toni Brühlmann-Jecklin, Psychotherapeut SPV, Präsident des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz

Msgr. Joseph M. Bonnemain, Dr. med., Dr. iur. can., Offizial der Diözese Chur, Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz