Blick vom Ölberg auf die Mauern, Zinnen und Tore Jerusalems. (Foto: Dorothee Becker)
28.04.2018 – Impuls

Jesaja 54,5–14
Jerusalem, dein Schöpfer ist dein Gemahl, «Herr der Heere» ist sein Name. Der Heilige Israels ist dein Erlöser, «Gott der ganzen Erde» wird er genannt. Ja, der Herr hat dich gerufen als verlassene, bekümmerte Frau. Kann man denn die Frau verstossen, die man in der Jugend geliebt hat? , spricht dein Gott. Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit grossem Erbarmen hole ich dich heim. (Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in aufwallendem Zorn; aber mit ewiger Huld habe ich Erbarmen mit dir, spricht dein Erlöser, der Herr. Wie in den Tagen Noachs soll es für mich sein: So wie ich damals schwor, dass die Flut Noachs die Erde nie mehr überschwemmen wird, so schwöre ich jetzt, dir nie mehr zu zürnen und dich nie mehr zu schelten.) Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen – meine Huld wird nie von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der Herr, der Erbarmen hat mit dir. Du Ärmste, vom Sturm Gepeitschte, die ohne Trost ist, sieh her: Ich selbst lege dir ein Fundament aus Malachit und Grundmauern aus Saphir. Aus Rubinen mache ich deine Zinnen, aus Beryll deine Tore und alle deine Mauern aus kostbaren Steinen. Alle deine Söhne werden Jünger des Herrn sein und gross ist der Friede deiner Söhne. Du wirst auf Gerechtigkeit gegründet sein. Du bist fern von Bedrängnis, denn du brauchst dich nicht mehr zu fürchten und bist fern von Schrecken; er kommt an dich nicht heran.

Einheitsübersetzung

Eine Vision von Frieden und Gerechtigkeit

Die Sehnsucht nach der Stadt Jerusalem. Wie sehr spricht sie aus diesem visionären und tröstlichen Text des Propheten Jesaja. Die Sehnsucht nach der Stadt, aus der Israel vertrieben war, in die Verbannung geschickt. Die Menschen im Exil, sie träumen von der Stadt, die für sie alles bedeutet. Und hier das Versprechen: Gott selbst wird das Fundament legen und die Stadt aus den kostbarsten Steinen selbst aufbauen.

Die Sehnsucht nach der Stadt Jerusalem. Ein wenig durfte ich dem nachspüren, als ich mich in der Osterwoche mit einer Gruppe von Mitpilgern und Mitpilgerinnen zu Fuss auf den Weg durchs Heilige Land machte. Auf den Pilgerweg von Nazareth zum See Genezareth. Durch wunderschöne Landschaften, über blühende Wiesen und durch Pinienwälder. Auf Wegen, die Jesus schon gegangen ist mit seinen Jüngern und Jüngerinnen. Wir standen auf den Pflastersteinen des Hafens von Migdal/Magdala und vor dem Haus des Petrus und der Synagoge in Kafarnaum. In Tabgha und auf dem Berg der Seligpreisungen am See Genezareth. Ganz nah an den Ursprüngen unseres Glaubens.

Dann der Weg durch die Wüste. Von Jericho nach Jerusalem hinauf. Ein Weg durch Steinwüste und Felsen, durch Oasen und über Bachläufe. Gazellen, Ziegen und Klippschliefer sind uns begegnet und immer wieder staunten wir darüber, wie viel Leben doch in dieser kargen und lebensfeindlichen Welt existieren kann.

Die Psalmen erschlossen sich uns ganz neu – Gott lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser (Ps 23) – und bekamen in dieser Landschaft ein ganz anderes Gewicht. Die Sehnsucht nach dem Wasser, das Leben schafft und wachsen lässt, haben wir selber erfahren.

Und dann die Sehnsucht nach dem Ziel: Jerusalem. Psalm 122 wurde mir im Vorfeld ein Lieblingspsalm: Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir gehen. Schon stehen unsere Füsse in deinen Toren, Jerusalem: Jerusalem, als Stadt erbaut, die fest in sich gefügt ist. Friede sei in deinen Mauern, Geborgenheit in deinen Häusern!

Es war ein bewegender Augenblick, am Ölberg zu stehen und zum ersten Mal auf die Mauern der Stadt zu schauen. Mit ihrer ganzen Heils- und Unheilsgeschichte und den politischen Verwicklungen und Ungerechtigkeiten, denen wir auf unserem Weg auch begegnet sind. Jerusalem als Sehnsuchtsort des Friedens und der Verständigung, als heiliger Ort der drei monotheistischen Religionen. Möge die Vision des Jesaja wirklich ein Versprechen sein und eines nicht allzu fernen Tages Realität werden: «Gross ist der Friede deiner Söhne (und Töchter). Du wirst auf Gerechtigkeit gegründet sein. Du bist fern von Bedrängnis, denn du brauchst dich nicht mehr zu fürchten und bist fern von Schrecken; er kommt an dich nicht heran.»

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin in der Pfarrei Heiliggeist, Basel