Flurina Doppler. | © Marcel Kaufmann/comundo
24.01.2019 – Hintergrund

Die Zerstörung des Amazonasurwalds betrifft alle

Flurina Doppler aus Basel hat sich in Peru für den Schutz dieses Lebensraums eingesetzt

Im Interview zeigt die Basler Sozialanthropologin Flurina Doppler auf, wieso die Zerstörung des Amazonasregenwalds uns alle betrifft. Die Comundo-Fachfrau hat drei Jahre bei der Partnerorganisation «Forum Solidaridad Perú» (FSP) mitgearbeitet und das 8. Sozialforum der Amazonasländer vom April 2017 in Tarapoto, Peru, mitorganisiert.

 

Eine Demonstration während des Sozialforums der Amazonasländer 2017 in Tarapoto (Peru), das Flurina Doppler mitorganisiert hat. | © Jonathan Hurtado/comundo

Wie schlecht steht es um den Amazonasurwald?

Flurina Doppler: Der Amazonasurwald ist stark gefährdet. Ein Fünftel dieses grössten noch verbleibenden Regenwalds ist schon abgeholzt und die Zerstörung geht fast ungebremst weiter. Der Erhalt dieses Ökosystems ist nicht nur für die dort lebenden Menschen, Tiere und Pflanzen wichtig, sondern wegen seiner Funktion als CO2-Speicher, Süsswasserreservoir und Hotspot der Biodiversität für die gesamte Menschheit. Die Folgen der Zerstörung bekommt früher oder später die ganze Welt zu spüren.

Wieso übernimmt die peruanische Regierung nicht mehr Verantwortung für den Schutz des Amazonasgebiets?

Das Wirtschaftsmodell von Peru und anderer Amazonasländer beruht auf der Ausbeutung und dem Export natürlicher Ressourcen. Die Regierung und Teile der städtischen Bevölkerung profitieren von diesem Raubbau an der Natur und stellen die Interessen der Öl-, Bergbau- und Holzfirmen über die Rechte der indigenen Bevölkerung und den Schutz des Urwaldes. Das führt zu zahlreichen Konflikten. Um den Widerstand gegen den Rohstoffabbau zu stoppen, kriminalisiert der Staat Menschen, die sich für ihre Rechte und den Schutz der Umwelt einsetzen.

Was konnte mit dem Amazonasforum erreicht werden?

Es wurden sowohl neue Allianzen zwischen Organisationen und Ländern gebildet wie auch gemeinsame Initiativen lanciert. So zum Beispiel die «Allianz zur Verteidigung der Amazonaszuflüsse», bei der «Forum Solidaridad Perú» aktives Mitglied ist. Am Alternativen Weltwasserforum Fama, das im März 2018 in Brasilia stattfand, hat sich die Allianz getroffen, um gemeinsame Strategien für den Erhalt des Lebens in und an den Flüssen im Amazonasgebiet zu entwickeln. Ziel war, auch die Bedrohung der Flüsse stärker zu thematisieren.

Welches sind die grössten Bedrohungen für die Flüsse?

Die Flüsse werden durch die Erdölförderung, den Bergbau und die pestizidintensive industrielle Landwirtschaft stark verschmutzt. In Peru ist das Megaprojekt «Hidrovía» ein gros­ses Thema. Ziel ist es, verschiedene Amazonaszuflüsse ganzjährig schiffbar zu machen. Es gibt allerdings keine Vorstudien, welche Konsequenzen dieser Eingriff hat. In Brasilien und Bolivien bedrohen vor allem Wasserkraftwerke die Amazonaszuflüsse. Menschen und Organisationen, die sich gegen den Bau von Megaprojekten wehren, werden nicht selten Opfer von Gewalt.

Wurden am Sozialforum auch Strategien für den Umgang mit Konflikten erarbeitet?

Ja. In der Diskussion entstand die Idee, ein Konfliktmonitoring, das in Brasilien bereits eingesetzt wird, mit einer gemeinsamen Methodologie auf das ganze Amazonasgebiet auszuweiten. Mit diesem Instrument kann erhoben werden, in welchen Gebieten Konflikte entstehen, wie viele Menschen betroffen sind und was die Hauptursachen dafür sind: zum Beispiel Abholzung, Wasserkraftwerke, Verletzung der Landrechte oder fehlender Zugang zu Wasser. In Brasilien hat das Konfliktmonitoring grosse mediale Wirkung und dient Ämtern und NGOs als wichtiges Instrument, um auf politische Entscheidungsträger Druck zu machen.

Was können wir alle zum Schutz des Amazonaslebensraums beitragen?

Als Konsumenten/innen der reichen, westlichen Länder sind wir mitverantwortlich für den Raubbau an der Natur und die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung. Denn Rohstoffe wie Gold, Kupfer, Erdöl, Holz oder Palmöl werden für den Export produziert und stillen unseren Energiehunger. Jede/r Einzelne sollte den eigenen Lebensstil überdenken und sich fragen, wieviel Konsum wirklich nötig und sinnvoll ist. Noch viel mehr ist jedoch die Politik gefordert, die Menschenrechte und den Schutz der Natur zu garantieren, was nicht geht ohne klare Rahmenbedingungen für Konzerne und den internationalen Handel. So ist es wichtig, dass die von Comundo mitgetragene Konzernverantwortungsinitiative (Kovi) vorangetrieben wird und Schweizer Konzerne dazu verpflichtet werden, Menschenrechte und Umweltschutz weltweit zu achten und respektieren.

Interview: Simone Bischof, Comundo

 

Infos zu den Projekten von Comundo in Peru sind unter www.comundo.org/peru zu finden.