Im Buch der Sprichwörter spielt und tanzt die Weisheit, griechisch Sophia, vor Gott (Bild aus der von Silja Walter inspirierten Produktion «Bolero. Tanz der Feuertaube», Choreografie Brigitta Luisa Merki, tanz&kunst königsfelden, 2017). | © Alex Spichale
09.05.2019 – Impuls

SPRICHWÖRTER 8,22–31

Die Ewige schuf mich zu Beginn ihrer Wege, als Erstes all ihrer Werke von jeher. Gewoben wurde ich in der Vorzeit; zu Urbeginn, vor dem Anfang der Welt. Bevor es das Urmeer gab, wurde ich geboren. Bevor die Quellen waren, von Wasser schwer. Bevor die Berge verankert wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte sie weder Erde noch Felder erschaffen oder den ersten Staub des Festlands. Als sie den Himmel ausspannte, war ich dabei, als sie den Erdkreis auf dem Urmeer absteckte, als sie die Wolken oben befestigte, als die Quellen des Urmeers kräftig waren, als sie das Meer begrenzte, damit das Wasser ihren Befehl nicht überträte, als sie die Fundamente der Erde einsenkte:

Da war ich der Liebling an ihrer Seite. Die Freude war ich Tag für Tag und spielte die ganze Zeit vor ihr. Ich spielte auf ihrer Erde und hatte meine Freude an den Menschen.

Bibel in gerechter Sprache

 

Die Weisheit tanzt vor Gott

Ein wunderbares poetisches Lied über die Weisheit. Sie ist schwer zu fassen, schwierig zu verstehen. In Bildern wird von ihr geredet; im Ersten Testament, in den Büchern der Weisheit und der Sprichwörter, wird die Weisheit als Person dargestellt, hebräisch «Chokmah», in der griechischen Übersetzung «Sophia» genannt. Sie selbst erzählt von ihrem Ursprung und von der Freude, die Gott, die Ewige, an der Schöpfung hat. Ein Text voller Leichtigkeit und Schönheit. Und vielleicht ist Weisheit genau das? Leichtigkeit und Schönheit? Die uns hoffentlich irgendwann im Leben zufällt – wenn wir das, was uns in unserem Leben widerfahren ist – Gutes wie Böses – be- und verarbeitet und in unser Leben integriert haben? Vielleicht, wenn wir in Kontakt sind mit unserem Inneren und zugleich mit unseren Mitmenschen sowie mit einer höheren Macht, mit Gott oder was immer ein Mensch als transzendentes (ihn übersteigendes) Gegenüber benennt. Weisheit übersteigt alle Grenzen von Kulturen und Religionen. Sie ist universal.

Weisheit findet sich im Werk von Silja Walter, deren 100. Geburtstag wir kürzlich gefeiert haben. Ihre Gedichte, ihre Spiele und Gottesdienstentwürfe, ihre Gebete und Tagebucheinträge sind erfüllt von diesem Dreiklang: einer intensiven Verbindung mit ihrem Inneren, mit ihren Mitmenschen und mit Gott. Darin und daraus hat sie gelebt und hat diese dichte Beziehung schreibend ins Wort bringen können. Und ihr tanzend Ausdruck verliehen. Heimlich habe sie auf dem Gang in der Klausur zu Orgelklängen aus der Kirche getanzt, bekannte sie. Immer wieder tanzt es in ihren Texten. Und ihr letztes Tagebuch mit dem Titel «Tanzen heisst auferstehen» endet knapp sechs Wochen vor ihrem Tod mit den Worten: «Danke für Deine Mühe mit mir – es ist hart für Dich und hart für mich, jetzt zu tanzen.»

Inspiriert von Sophia, die vor Gott, dem Schöpfer, spielt – oder tanzt, wie es in anderen Übersetzungen heisst –, bringt Silja Walter die Weisheit zum Tanzen:

Tanzlied am Ende

zu Sprichwörter 8,22–31

Tanze mein Liebling
schön
bist du
wirf mir das All
deinen Ball
jetzt zu
tanz durch die leeren
Gewölbe
Tanzen und Sein
ist dasselbe

Tanze mein Liebling
die Zeit
ist aus
tanz durch ihr leeres
verschwundenes
Haus
du und dein Ball sind
geblieben
Tanzen heisst
leben und lieben

Tanze mein Liebling
mein Herz
ist allein
wirf mir nun Welten
und Menschheit
hinein
wirf sie auch wenn sie
vergehen

Tanzen heisst
auferstehen

Silja Walter (Gesamtausgabe Bd. 8, S. 152)

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin, Pfarrei Heiliggeist, Basel