Das Leiden Jesu am Kreuz steht im Zentrum der christlichen Religion (Bild aus der Ausstellung «Glaubenswelten des Mittelalters» im Historischen Museum Basel). | © HMB Natascha Jansen
01.11.2018 – Aktuell

Die Schwäche als Stärke im Dialog

Jan-Heiner Tück zum Wahrheitsanspruch des Christentums

Wie soll man mit den Wahrheitsansprüchen der Religionen umgehen? «Differenzen sollen nicht zugekleistert, sondern im Gespräch ausgetragen werden», sagte der Theologe Jan-Heiner Tück an der Aeneas-Silvius-Vorlesung an der Universität Basel. Tück plädierte dafür, aus der Wahrheit der christlichen Offenbarung Kraft für den Dialog mit anderen Religionen zu schöpfen.

Wie lässt sich das Konfliktpotential, das im Aufeinandertreffen unterschiedlicher religiöser Überzeugungen liegt, entschärfen? Jan Assmann hat vor einem Jahr zum Auftakt des neuen Vorlesungszyklus der Aeneas-Silvius-Stiftung diese Frage mit dem Modell einer doppelten Religion beantwortet. Seine «Religio Duplex» stellt eine universale natürliche Religion über die unterschiedlichen religiösen Wahrheitsansprüche. Für den Wiener Theologieprofessor Jan-Heiner Tück hingegen liegt die Antwort im Kern der christlichen Religion, dem Leiden Jesu.

Die «Einklammerung» der Wahrheitsansprüche hält er für den falschen Weg. «Diese Empfehlung hat den Nachteil, dass sie das Selbstverständnis der Religionen übergeht, die sich ausdrücklich auf Offenbarungswahrheiten stützen», hält er in der Einladung zur 55. Aeneas-Silvius-Vorlesung fest. «Im Zentrum der christlichen Religion steht ein Opfer, nicht ein Täter», betonte Tück. Das Kreuz lege die Wahrheit über den Menschen frei, indem es Leid und Verwundbarkeit, Schuldanfälligkeit und Versöhnungsbedürftigkeit zeige. Das Kreuz zeige aber auch die Wahrheit über Gott. «Gott wollte sich begreiflich machen.» Die Leidensgeschichte Jesu, die Passion, verstöre bis heute, nicht zuletzt weil sie im Gegensatz zu göttlichen Attributen wie «strahlend», «mächtig», «unbesiegbar» stehe. Gerade in der Schwäche könne die eigentliche Stärke der christlichen Religion gesehen werden, formulierte Tück als These. «Die Wahrheit erscheint nicht in Form des Triumphs, sie wählt den Weg der Passion.»

Wie aber soll die Beziehung zu anderen Religionen aussehen? Dafür hat das Christentum im Verlauf seiner Geschichte unterschiedliche Wege gewählt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gilt in der römisch-katholischen Kirche der sich auf Christus zentrierende Inklusivismus, der bei einer Höchstgeltung der christlichen Religion die Anerkennung des Wahren und Guten anderer Religionen einschliesst. Die Erniedrigung Jesu müsse sich auch in der Haltung im Dialog mit anderen Religionen niederschlagen.

Tück vertritt die These eines kenotischen Inklusivismus, der sich auf die Selbstentäusserung, die sogenannte Kenosis, von Jesus und die Überzeugung, dass Gott das Heil aller Menschen will, bezieht. Diese Haltung geht von einer Gottesebenbildlichkeit des Menschen aus, die als Prinzip der Menschenwürde in staatlichem Recht Eingang gefunden hat. Im Bezug darauf, dass die Mitgliedstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO von 1948 in der Kairoer Erklärung von 1990 nur unter dem Vorbehalt der Scharia angenommen haben, spricht Tück von einer «zentralen Baustelle» im islamisch-christlichen Dialog.

Aus dem kenotischen Inklusivismus ergibt sich gemäss Tück, dass die Weitergabe der Offenbarung in Kommunikation und nicht als Zwang erfolgen soll. Leider sei in der katholischen Kirche Glaubens- und Gewissensfreiheit lange nicht respektiert worden. Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat die Wende gebracht.

Der kenotische Inklusivismus beinhaltet auch, die Perspektive des anderen einzunehmen, sich in den Augen der anderen zu sehen. Bereitschaft zu Selbstkritik sei eine der Voraussetzungen für das Gelingen von interreligiösem Dialog, sagte Tück. Und last but not least: Die Wahrheit gelte es nicht nur mit den Lippen weiterzugeben, sondern auch durch Taten.

Regula Vogt-Kohler