Unter dem Konflikt in Afghanistan leiden auch viele Kinder. Arifa (7) und Safa (2) haben ihren Vater verloren und leben zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in einem Flüchtlingslager. | © Unicef Afghanistan
09.09.2021 – Impuls

Römerbrief 8,35,37-39

Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?…Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.                               

Einheitsübersetzung 2016

Die Not der Kinder

Die Bilder am Flughafen in Kabul. Inmitten der Menge auch Kinder. Verzweifelte Väter und Mütter möchten ihre Kinder in Sicherheit bringen, in dem sie versuchen, sie den Militärs zu übergeben. Diese Szenen sind kaum auszuhalten. Eine Mitarbeiterin des Unicef, welche mit ihrer Organisation im Land bleibt. Ein Hauch von Hoffnung, Mut.

Aber es ist noch nicht so lange her, dass Kinder von ihren verzweifelten Eltern während der Flucht aus den Ostgebieten in Europa weggeben wurden, damit sie eine Zukunft finden. Ein ehemaliger Nachbar von mir ist gezeichnet von diesem Schicksal. Verstehen tut er es bis heute nicht.

Wer sollte dies verstehen?

Und mitten im Drama um Afghanistan erschreckt uns eine weitere Nachricht: Fast jedes zweite Kind weltweit ist nach Schätzung von Unicef durch die Auswirkungen des Klimawandels «extrem stark gefährdet». Betroffen seien rund eine Milliarde von 2,2 Milliarden Mädchen und Jungen weltweit, heisst es im Klima-Risiko-Index für Kinder. Es ist der erste solche Bericht, den das UN-Kinderhilfswerk in dieser Form veröffentlicht. Es ist die Klimakrise, zu denen die Kinder nichts beigetragen haben. Welches Erbe hinterlassen wir ihnen?

Und so ist das Leben der Mutter der heimatlosen Kinder, die selige Maria Teresa Tauscher, eine Ordensfrau, eine Mutter, eine positive Kraft für mich. Sie gründete ausserhalb ihrer Heimat, wo sie als mystische und sozial engagierte Frau in der Kirche abgelehnt wurde, Heime für Mütter und Kinder. Sie verband ihren Glauben und ihre erste Liebe zu Christus mit einem grossen sozialen Engagement. Sie war wie ihr Vorbild, die heilige Teresa von Avila, immer unterwegs und wurde mit ihren Mitschwestern ein Ort der Geborgenheit von Waisen und verlassenen Müttern bis in die USA. Man denke in einer Zeit vom Beginn der Industrialisierung zum Ersten Weltkrieg bis zur zweiten grossen Katastrophe in Europa.

Ich kann die Not der Kinder in diesem Rahmen weder auflösen und vergessen. Sie bleibt eine Herausforderung in der Gegenwart und Zukunft. Eigentlich ist sie eine klaffende Wunde in uns Erwachsenen. Darum ist der biblische Text dieses Tages anlässlich des Gedenkens an diese grosse Frau und an viele Frauen und Männer, die sich um die Generationen wohlwollend kümmern von grösster Aktualität. «Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi.» Sie ist «die erste Liebe» wie es der Beter im Psalm 139,14,16 besang: … «Wunderbar sind deine Werke … Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren, als noch keiner von ihnen da war. Wie kostbar sind mir deine Gedanken, Gott!» Diese Liebe ist uns zugesprochen, «zugeflüstert», zugehaucht. Sie befähigt uns, für das Leben einzustehen, nicht nur für das eigene und das unserer Angehörigen, sondern darüber hinaus für die Menschheitsfamilie, hier wie dort. Wir mögen die je eigenen Möglichkeiten eines Engagements, und sei es noch so klein, suchen und finden.

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnis- und Altersseelsorge