Gott als Quelle für mein Leben ist schon da – alles, was ich tun muss, ist, mich dafür zu öffnen. | © Günter Havlena/pixelio.de
08.04.2021 – Impuls

Psalm 36,8–10

Wie köstlich ist deine Liebe, Gott! Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel.
Sie laben sich am Reichtum deines Hauses; du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.

Einheitsübersetzung 2016

 

Die niemals versickernde Quelle

Quellen wurden immer schon als Kraftorte wahrgenommen – Orte, an denen Menschen Stärkung und Heilung finden. Orte, wo sie auftanken können. Orte, die Leben bedeuten. So wurde in der Bibel die Quelle auch zu einem Bild für Gott selbst.

Wie unser Körper Wasser zum Leben braucht, so brauchen wir auch Quellen, aus denen unsere Seele und unser Geist schöpfen können. Trinkwasser haben wir in unserem Land genug. Aber nicht selten fehlen uns solche Quellen für die Seele. Viele Menschen spüren: Mit einem Leben, in dem der materielle und der berufliche Erfolg an erster Stelle stehen, verpassen wir das Eigentliche. Der Theologe Eugen Drewermann hat das so ausgedrückt: «Wie viel Schönheit wird überlagert durch all das, was wir glauben erledigen zu müssen! Wie viel von der Zauberkraft unseres Herzens geht zugrunde an all dem Gestampfe, Gerenne, Getrete und Gelaufe in unserem Leben, am Platzbehaupten, Hinterherlaufen, Sich-selber-vorweg-Sein! Wär‘ es nicht möglich, es reifte das, was wir sind, in unserer Tiefe, und wir könnten’s gar nicht erklügeln, nicht beschliessen, es wäre nur einfach?»

Damit wir uns lebendig fühlen, damit Gedanken, Kreativität und Energie fliessen können, damit sich etwas in unserem Leben entwickelt und wir die Lust am Leben nicht verlieren, muss uns etwas zufliessen.

In vielen Lebenssituationen passiert es uns aber, dass wir uns von allen Lebensquellen abgeschnitten fühlen. Ganz drastisch erleben dies zum Beispiel Menschen in Trauersituationen, in einer Depression oder bei einem Burn-out-Syndrom. Viele machen bestimmt auch aufgrund der aktuellen und andauernden Corona-Situation solche Erfahrungen. Aber auch im Familien- oder Arbeitsalltag wollen die Lebensquellen manchmal einfach nicht mehr fliessen.

Wenn unsere Quellen nicht mehr zu fliessen scheinen, dann heisst das nicht, dass das Wasser einfach weg ist. Dann gilt es wohl vielmehr, die Quelle wieder freizuschaufeln – sie zu befreien von all dem Schutt und Geröll, mit dem sie überlagert ist. Da, wo dann etwas aufbricht, kann etwas ins Fliessen kommen, kann das, was hart und starr geworden ist, sich neu verflüssigen. Das können Gewohnheiten, Haltungen, Rituale, Meinungen sein – möglicherweise sogar meine Bilder von Gott.

Bernadette Soubirous wird während ihrer Erscheinung von Maria aufgefordert, aus einer Quelle zu trinken, die zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht erkennbar war. Mit blossen Händen beginnt das 14-jährige Mädchen in der Erde zu graben, bis daraus Wasser zu fliessen beginnt. Eine Quelle, die bis heute nicht versickert ist, sondern fliesst. Eine Quelle, deren Wasser bereits vielen Menschen Trost, Kraft und Heilung gebracht hat.

Mich ermutigt diese Szene: Gott ist schon da als Quelle für mein Leben! Alles, was ich tun muss, ist, mich dafür zu öffnen. Dann wird auch in mir das Leben sprudeln. Wir können die Quelle zwar verschütten – aber Gottes Güte versickert nicht unter dem Schutt und Geröll.

Nadia Miriam Keller, Theologin, arbeitet als Spitalseelsorgerin i.A. am St. Claraspital in Basel und als Pfarreiseelsorgerin i.A. im Seelsorgeverband Angenstein