Blick in den von Hans Arp gestalteten Chorraum der Kirche St. Peter und Paul in Oberwil. | © Regula Vogt-Kohler
02.06.2021 – Aktuell

Die lange Vergangenheit des Kultortes Oberwil

Vom römischen Tempel bis Hans Arp: Die Kirche St. Peter und Paul in Oberwil ist zeitlos alt und modern

Wer die römisch-katholische Kirche in Oberwil betritt, fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Der romanische Baustil täuscht zwar über das tatsächliche Alter des Gebäudes hinweg, knüpft jedoch an die bis in römische Zeiten zurückreichenden Wurzeln an.

Wie viele ältere Kirchen steht auch die Oberwiler Dorfkirche auf einem Geländesporn. Unübersehbar thront die Pfarrkirche St. Peter und Paul am östlichen Rand des Vorderbergs. Wer sie betritt, ist überrascht über die Schlichtheit des Gebäudeinnern. Bruchsteinmauern und runde Bogen strahlen etwas zeitlos Altes aus, was ebenso täuschend wie zutreffend ist. «So alt ist unsere Kirche gar nicht», sagt Priester Heinz Warnebold zum Auftakt der Führung in der Langen Nacht der Kirchen.

125 Jahre alt ist die Kirche in ihrer heutigen Form, die Einsegnung fand am 27. Juni 1897 statt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war eine bedeutende Vergrösserung des Kirchenschiffs wegen des grossen Bevölkerungswachstums notwendig geworden. Im Zuge der Renovation von 1964/65 erhielt die Kirche eine neue Innenausstattung. In Fronarbeit hauten Pfarreimitglieder den Gips von den Wänden, Bruchsteinmauern und ein offener Dachstock kamen zum Vorschein. Gleichzeitig fanden Flächengrabungen statt, welche Überreste von römischem Mauerwerk und drei Kirchenbauten zu Tage förderten.

Quadratische Kulträume

Bereits in den ersten Jahrhunderten n. Chr. war der Geländesporn besiedelt. Wozu die Mauerfundamente dienten, ist jedoch nicht klar. Um 400 wird ein quadratischer Bau von 8×8 Meter errichtet. Es könnte ein gallorömischer Vierecktempel, aber auch ein frühchristlicher Grabbau gewesen sein. Ab 650 n. Chr. wird der Raum nachweislich als christlicher Kultbau verwendet, und schon bald wird im Osten ein ebenfalls quadratischer Chorraum angebaut.

Ein Brand macht zu Beginn des 8. Jahrhunderts die Neuerrichtung des Chors nötig, und das Schiff wird in Richtung Westen verlängert. Das frühmittelalterliche Kirchenschiff hat fast tausend Jahre Bestand. Nach dem 30-jährigen Krieg, unter dem die Oberwiler Bevölkerung besonders zu leiden hatte, war jedoch die Kirche in so schlechtem Zustand, dass ein Neubau dringend notwendig war.

Die 1696 erbaute neue Kirche erhält ein längeres und breiteres Schiff und einen Chor in der heutigen Polygonalform. Stehen geblieben (und das bis heute) ist der im 14. Jahrhundert errichtete Turm. Weil er aber proportional nicht mehr zur heutigen Kirche aus dem Jahr 1896 passte, wurde er 1948 um sieben Meter aufgestockt.

Einziger von Hans Arp gestaltete Kirchenraum

Wie das Weihwasserbecken ist auch das Taufbecken aus Kalkstein gehauen. | © Regula Vogt-Kohler

Während der Führung leitet Organist Freddie James mit Klängen von Olivier Messiaen zur Moderne über. Die Oberwiler Kirche nimmt im Schaffen des Dichters, Malers und Bildhauers Hans Arp eine einzigartige Stellung ein: Der Chorraum von St. Peter und Paul ist der einzige von Arp gestaltete Kirchenraum. Arp habe sich in den 1940-er Jahren dem katholischen Glauben zugewandt, erzählt Gemeindeleiter Bernhard Engeler. 1943 starb Arps erste Frau, Sophie Taeuber, an einem tragischen Unfall. Der Tod sei zur Inspiration geworden, sagt Engeler. Typisch für Arp ist die ovale Form. Ein Beispiel dafür ist das aus Solothurner Kalkstein gehauene Weihwasserbecken.

Regula Vogt-Kohler