Die Menschen einladen: Bischof Felix Gmür am Bistumsjugendtreffen 2017 bei der Kirche St. Joseph in Basel. | © zVg/Michael Stahl
14.01.2021 – Aktuell

Die Kirche ist auf der Suche – wie die ersten Glaubenden

Zehn Jahre Bischof Felix Gmür – Auszüge aus seinem Hirtenwort zum 17. Januar

Seit zehn Jahren ist Felix Gmür Bischof von Basel. In seinem Hirtenwort vom Sonntag, 17. Januar, unter dem Titel «Suchen und Finden – Bewahren und Entwickeln» behandelt er Themen seiner Amtszeit als Bischof.

Den 10. Jahrestag seiner Bischofsweihe nimmt Bischof Felix Gmür zum Anlass für programmatische Aussagen zur Kirche. Dieses Hirtenwort wird am Sonntag, 17. Januar, in allen Kirchen des Bistums Basel als Predigt verlesen. Wegen der geltenden Einschränkungen der Teilnehmerzahlen von Gottesdiensten veröffentlicht «Kirche heute» hier Auszüge aus dem Hirtenwort, das vom Johannesevangelium (1,35–42) ausgeht. Die Kürzungen sind nicht gekennzeichnet; die Zwischentitel stammen von der Redaktion.

Suche nach offenen Räumen

«Das erste Wort von Jesus an die Glaubenden ist keine Unterweisung, keine Aufforderung, kein Gebet. Es ist eine Frage: ‹Was sucht ihr?›

Alles beginnt mit der Suche. Die Suche offenbart eine Spannung. Diese Spannung ist typisch für uns und unsere Kirche heute. Wir brauchen Neues und spüren, dass die Welt sich ändert, und wir uns ändern und sich die Lebensbedingungen verändern, und wir deshalb Aufbrüche wagen müssen. Und doch wollen wir auch, dass gleichzeitig alles gleich bleibt. Was bleibt? Was soll sich ändern? Jesus gibt den beiden Jüngern einen Tipp: ‹Kommt und seht!› Die Kirche in unserem Bistum kann daraus für die Seelsorge einiges lernen. Unsere Pfarreien und kirchlichen Dienste tun gut daran, die Menschen, die uns suchen, einzuladen statt abzuwimmeln, erreichbar zu sein, statt auf spätere Termine zu vertrösten, offene Pfarrhäuser und Kirchen zu haben, statt verschlossene Türen anzubieten.

Wir suchen nach stimmigen Formen, uns über den Glauben auszutauschen. Wir suchen nach Räumen, in denen junge Eltern, Singles, Menschen in unterschiedlichen Beziehungsformen Gott erfahren und Erlebnisse damit verbinden können. Hier ist die Kirche besonders herausgefordert. Es öffnet sich Raum für Kreativität.

Suche nach dem Umgang mit der Schuld

Leider gab und gibt es Einladungen und Erlebnisse, die bei Menschen tiefe Wunden und einen grossen Schmerz hinterlassen haben. Manche leiden ein Leben lang darunter. Einladen, zuhören, Leid anerkennen, um Entschuldigung bitten: Das sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einer erhofften Versöhnung, unumgängliche Schritte in der Nachfolge Jesu – für die ersten Jünger, die auf das Lamm Gottes schauen, und erst recht für uns. Im Umgang mit der eigenen Schuld sucht die Kirche weiter. Eine griffige Prävention ist zukunftsgerichtet und zielt darauf ab, jede Art von übergriffigem Verhalten zu verhindern. Das Bewusstsein zu schärfen, ohne selbst übergriffig zu werden oder vorzuverurteilen oder Überdruss zu provozieren, ist eine Suche nach dem richtigen Mass.

Suche nach gelingender Integration

In unserer Kirche heute sind wir am Suchen, weil mehr als ein Drittel der Gläubigen in unserem Bistum Migrantinnen und Migranten sind. Sie haben verschiedene kulturelle Hintergründe, unterschiedliche religiöse Bedürfnisse und Erwartungen, vielleicht andere Vorstellungen vom geglückten Leben. Und doch sind sie in der Kirche nicht Fremde, sondern ebenso Einheimische wie alle anderen katholischen Gläubigen auch. Wie können wir uns gegenseitig einpassen, so dass wir spüren, dass wir zusammengehören und denselben Glauben miteinander teilen? Es ist die stete Suche nach einer gelungenen Integration, ohne dass jemand den eigenen kulturellen Charakter aufgeben muss.

Suche nach Kirche für Frauen und Männer

Heute sind wir auf der Suche, wie wir den Glauben unter neuen Lebensbedingungen weitertragen. Es lohnt sich, Neues auszuprobieren und im Suchen nicht aufzugeben, gerade auch im Vertrauen, dass Gott den ersten Schritt macht und Jesus als Erster einlädt.

Kirche ist immer Gemeinschaft, Christsein geht nicht allein. Das heutige Evangelium spricht nur von zwei Jüngern. Aber schon sehr früh gehörten Frauen dazu. Wir suchen nach einer Kirche, in der Frauen und Männer gleichermassen ihren Platz haben.

Die Kirche ist immer öffentlich, bis hin zu öffentlichen Meinungsäusserungen zu gesellschaftlichen Fragen. Hier ist freilich eine grosse Sensibilität gefordert, denn das Engagement für alle, welche die biblische und kirchliche Tradition Arme nennt, steht nicht zur Disposition. Es ist eine Gratwanderung, weil man sowohl klar sein muss als auch niemanden mutwillig verletzen will und darf. In jeder Zeit ist die Kirche auf der Suche nach der richtigen Balance, auch heute.»

Felix Gmür, Bischof von Basel

 

Voller Wortlaut des Hirtenworts hier.