Im «Schloss Schlaraffenland» (vor den Toren der Muba) gabs Köstlichkeiten gegen irdische Kaufkraft – der Prophet hat etwas anderes im Sinn, wenn er uns zuruft: «Kommt und kauft ohne Geld! Kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!» (Foto: Christian von Arx)
05.05.2018 – Impuls

JESAJA 55,1–11
So spricht der Herr: Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung! Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen. Neigt euer Ohr mir zu und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben. Ich will einen ewigen Bund mit euch schliessen gemäss der beständigen Huld, die ich David erwies (…)
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

Einheitsübersetzung (gekürzt)

Der stärkste Sprit ist unbezahlbar

Es sei eine der komplexesten Volksinitiativen, über die der Souverän am 10. Juni zu entscheiden hat. Der vollständige Titel des Begehrens lautet entsprechend umständlich: «Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative)». Die einen werben mit dem Aufruf «Nur echte Franken für mein Konto!». Die Gegner warnen, die Änderung würde einen gefährlichen Systemumbau und unkalkulierbare Risiken mit sich bringen. Wie soll ich mich als Staatsbürger seriös informieren? Voraussichtlich werde ich passen, indem ich mich auf meine Freiheit berufe: Ich lasse mir meine Agenda nicht gerne von irgendeinem Initiativkomitee vorschreiben, eure Probleme sind längst nicht immer meine Probleme!

So wende ich mich den utopischen Ver­heis­sungen des alttestamentlichen Propheten zu, der weit kühnere Dinge verspricht: «Kommt und kauft ohne Geld! Kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!» Man könnte meinen, da werde das Schlaraffenland ausgerufen. Handelt es sich um ein Volksfest oder um einen Aufruf zur Plünderung? Oder winkt im Prophetenwort Gott mit dem Zaunpfahl, dass es auch anders sein könnte und sein sollte? Was wäre, wenn! Wenn tatsächlich permanent Totalausverkauf herrschen oder «Helikoptergeld» verteilt würde, wenn jeder ein Grundeinkommen auf sicher hätte und einigermassen anständig und in Würde leben könnte. Träumen wir von einem nachhaltigen, gerechten und umweltverträglichen Wirtschaftssystem! Gehen wir an die Arbeit mit Sachverstand und in der demütigen Gewissheit, dass wir hienieden niemals paradiesische Zustände erreichen werden.

Dem Propheten (die Bibelwissenschaft nennt ihn «Deuterojesaja» und schreibt ihm die Kapitel 40 bis 55 des Jesaja-Buches zu) geht es freilich nicht um die Durchsetzung einer alternativen Ökonomie. Es ist ihm auch nicht ums Träumen, noch weniger ist populistische Rattenfängerei seine Sache. Der Angelpunkt, von dem aus er das gesamte System, jedes menschliche System aushebelt und umkrempeln will, ist eine grandiose Gotteserfahrung: «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.» Daher die lapidare Aufforderung: «Neigt euer Ohr mir zu und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben.»

Nicht irdische Kaufkraft, sondern das Wort Gottes ist der Sprit, der die Welt zum Laufen bringt, die Kraft, die den Kreislauf der Schöpfung in Schwung hält und mit unerschöpflicher Energie versorgt. Das Wort Gottes ist eine krisensichere Investition, garantiert eine exzellente Wertschöpfung, bewahrt uns vor heilloser Spekulation, bewirkt ausgeglichenes geistliches Wachstum, ist «kostbarer als Gold, als Feingold in Menge», wie Psalm 19 weiss. Das Wort Gottes lehrt uns Mass und Klugheit, Gerechtigkeit und Stärke, die Tugenden, die vor blinder Gier und vor Selbstzerstörung im Hamsterrad bewahren. Es ist befruchtend und überraschend noch in seinen Spätestfolgen. Es schafft Leben und trägt in sich den Keim jenes ewigen Bundes für die Völker, der heute, 70 Jahre nach der ­Gründung des Staates Israel, aktueller ist denn je. Tragen wir Sorge zu dieser so zerbrechlichen, unbezahlbaren Hoffnung!

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein