Die restaurierte Kirchturmuhr von 1867 im originalen Uhrenschrank hat ihren Platz jetzt in der Gemeindeverwaltung von Seewen. | © Hubert Gehrig
08.09.2021 – Aktuell

Seewen hat seine alte Kirchturmuhr restauriert

Am Denkmaltag wird das technische Meisterwerk von 1867 erstmals gezeigt

Mit Eigenleistungen hat eine Gruppe von Freiwilligen die 1973 ausser Betrieb gesetzte ehemalige Kirchturmuhr von Seewen restauriert. Am Sonntag, 12. September, wird die alte Turmuhr an ihrem neuen Platz eingeweiht und an Führungen erklärt.

Mehr als 150 Jahre alt ist die ehemalige Turmuhr der Kirche St. German im solothurnischen Seewen. Wenn sie jetzt wieder läuft und bestaunt werden kann, ist das fast ein Wunder. Doch der Reihe nach.

Die Kirchturmuhr war 1867 auf Beschluss des Gemeinderates von Seewen angeschafft worden. Es ist ein bereits industriell gefertigtes Stück aus der Uhrenmanufaktur Ungerer Frères in Strassburg, die vom Uhrmacher und Mechaniker Jean-Baptiste Schwilgué (1776–1856) gegründet worden war. Schwilgué-Turmuhren waren damals weit verbreitet. Eine von ihnen tut noch heute in der Kirche von Biel-Benken ihren Dienst, eine weitere ist im Gemeindehaus von Bretzwil erhalten.

Nach Seewen geliefert wurde die Turmuhr vom Sissacher Uhrmacher Friedrich Hoffmann-Wagner (1823–1898) zum Preis von 1440 Franken; Offerte und Schlussabrechnung sind in Seewen erhalten. Die Turmuhr wurde im Kirchenestrich installiert und zeigte die Zeit auf Ziffernblättern an beiden Kirchtürmen. Sie hatte zwei Schlagwerke, für die Viertelstunden und für die vollen Stunden. «Insgesamt handelt es sich um eine durchdachte, ausgeklügelte und für die damalige Zeit präzise Konstruktion», urteilt Hubert Gehrig in seiner Dokumentation zur Restaurierung.

Originalteile verschwunden

Aufgabe des Sigristen war es, die Turmuhr täglich aufzuziehen. Diese Mühe war wohl ein Grund für den Entscheid zur Elektrifizierung etwa 1960. Dabei wurden Originalteile entfernt, die heute spurlos verschwunden sind. Der Elektroantrieb löste im hölzernen Uhrenschrank sogar einen Brand aus, der allerdings glimpflich verlief.

Im Rahmen einer Kirchenrenovation 1973 wurde die alte Turmuhr ausser Betrieb genommen und in eine örtliche Werkstatt gebracht. Nur der leere Uhrenschrank blieb im Kirchenestrich. Wegen der fehlenden Teile erwies sich eine Instandsetzung der Uhr als unmöglich. Ums Jahr 2000 wurde sie in die Obhut des Musikautomatenmuseums Seewen gegeben.

Denkmal für die Nachkommen erhalten

Dort wurde sie 2019 vom geschichtsinteressierten Seewner Hubert Gehrig wieder entdeckt. Offerten für eine Restaurierung beliefen sich auf 35 000 bis 80 000 Franken, was Gehrig veranlasste, die Sache selber anzupacken. Es gelang ihm, die fehlenden Teile bei einem Uhrensammler in den Niederlanden zu beschaffen. Im Einverständnis mit der Kirchgemeinde Seewen als Eigentümerin und mit Hilfe von handwerklich und technisch versierten Freiwilligen aus Seewen und Himmelried schaffte es das kleine Team, die Kirchturmuhr von 1867 wieder funktionstüchtig zu machen. Für die Kosten von 3000 Franken kam der Kulturverein Seewen auf. Was alles zur Arbeit der Restauratoren gehörte, hat Gehrig in seinem Bericht «Die ehemalige Kirchenuhr von Seewen SO» in Text und Bild festgehalten.

«Unsere ehemalige Turmuhr von 1867 stellt ein technisches Meisterwerk aus den Anfängen der Industrialisierung dar und ist eines von wenigen Denkmälern in unserer Gemeinde», freut sich Hubert Gehrig. Gemeinsam wurde beschlossen, das Werk im originalen Uhrenschrank in der Gemeindeverwaltung aufzustellen. Im Rahmen der Europäischen Tage des Denkmals wird es nun eingeweiht und erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

Christian von Arx

 

Vernissage am Sonntag, 12. September: 11.00 Uhr Öffnung Gartenwirtschaft Gasthof Rössli, 11.45 Konzert Brassband Seewen auf dem Rössliplatz, ab 12.00 Uhr Verpflegung vom Grill, 13.00–16.00 Uhr jede halbe Stunde geführte Rundgänge durch die Ausstellung in der Gemeindeverwaltung.