Am Sonntag ruht in diesem Betrieb die Arbeit. (Foto: Regula Vogt-Kohler)
02.06.2018 – Impuls

DEUTERONOMIUM 5,12–15
So spricht der Herr:
Achte auf den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat.
Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun.
Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.
Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten.

Einheitsübersetzung

Denke an das Aufhören!

Es ist Freitagnachmittag. Langsam wandert der Uhrzeiger gegen 16.00 Uhr. In vielen Büros werden die Computer heruntergefahren, die Fenster geschlossen, die Taschen gepackt und die Schuhe geschnürt. Zum Schluss folgen zwei der schönsten Worte in der (westlichen) Arbeitswelt: «Schönes Wochenende!» Man wünscht es sich am Freitag auf der Arbeit, beim Verabschieden, an der Ladenkasse … Ja, da hört die strenge Arbeitswoche auf. Der Sonntag kommt. Ein Tag, an dem die Mehrheit der Menschen – zumindest in unserem Kulturkreis – nicht arbeitet. Per Gesetz, notabene.

Als das Volk Israel in Ägypten weilte, als es noch in der Knechtschaft lebte, da konnte man von so etwas nur träumen! Doch Gott hat sein Volk befreit. Er hat ihm die Möglichkeit geschenkt, zu ruhen – etwas, was in der Antike ansonsten nur den Göttern und den Herren vorbehalten war. Deshalb war der Sabbat für Israel auch zuallererst ein Zeichen der Befreiung, ein Zeichen der Freiheit, ein Zeichen dafür, dass Israel zu einem freien Volk geworden war.

Freizeit für alle, für den Herrn und die Herrin, für Sohn und Tochter, für Sklave und Sklavin, ja selbst für den Fremden, der sich im Ort aufhielt. Nicht einmal Rind und Esel waren davon ausgenommen. Das war ein absolutes Novum: Ein Tag, an dem jeder, ohne Unterschied ausruhen und Kraft schöpfen konnte. Was für eine ungeheure Bedeutung dieser Tag für die Menschen damals gehabt haben musste, das ist für viele heute wohl nur noch schwer zu verstehen.

Während für Israel der Sabbat das Zeichen der Freiheit und seines Aufgehobenseins im Gottesbund war (und ist), so ist für uns Christen Christus selbst das Zeichen dafür, dass Gott uns frei gemacht hat. Wir feiern nicht mehr den jüdischen Sabbat, sondern den Sonntag, den Tag der Auferstehung des Herrn.

Unser Sonntag: auch ein Tag für die Familie. Endlich hat man Zeit für- und miteinander, Zeit zum Ausspannen, zum Ausruhen, zum Freihaben und Freisein, zum Geniessen und Erleben.

Doch manchmal frage ich mich, ob das überhaupt noch stimmt. Ist der Sonntag tatsächlich noch der unhinterfragte Tag der Ruhe?

Die einen haben auch am Sonntag ihre Termine: Sie nutzen ihn zur Arbeit, welche die Woche über liegengeblieben ist. Die anderen machen sich Freizeitstress mit einem strapaziösen Wochenendtrip. Der Sonntag ist unter Druck geraten.

Und nicht wenigen in unserem Land ist der geschützte Sonntag ein Dorn im Auge. Unternehmen, die ihre Maschinenlaufzeiten ausweiten wollen, Discounterketten, die rund um die Uhr verkaufen und Gewinne erzielen wollen, aber auch Kunden, die den Sonntag zum Wocheneinkauf nutzen wollen – all jenen ist der konsum- und produktionsfreie Sonntag ein verlorener Tag, dessen Zeit man effektiver nutzen sollte.
Das hebräische Wort «sabbat» heisst wörtlich übersetzt «aufhören». «Achte auf den Sabbat» ganz direkt wiedergegeben heisst dann: «Denke an das Aufhören. Halte es heilig!» Der Sonntag als Unterbrechung zur Freiheit – Freiheit von der Sklaverei durch Arbeit, Leistung und Hetze. Ein Tag, der uns geschenkt ist, damit er uns gut tut. Halten wir ihn heilig! Nehmen wir dieses Geschenk der Freiheit an und lassen wir uns nicht von neuen Mächten versklaven!

Nadia Miriam Keller, Theologin, ursprünglich Pflegefachfrau,
arbeitet in der Pfarrei St. Odilia, Arlesheim