Zurückstutzen im Garten. Viel zu lange wurden Menschen klein gehalten, damit sie für die Institutionen Schule, Kirche und Staat nicht unbequem wurden. | © gartenhaus-test.de/pixelio.de
27.09.2018 – Impuls

NUMERI 11,25–29
In jenen Tagen kam der Herr in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Sobald der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in prophetische Verzückung, die kein Ende nahm. Zwei Männer aber waren im Lager geblieben; der eine hiess Eldad, der andere Medad. Auch über sie war der Geist gekommen. Sie standen in der Liste, waren aber nicht zum Offenbarungszelt hinausgegangen. Sie gerieten im Lager in prophetische Verzückung. Ein junger Mann lief zu Mose und berichtete ihm: Eldad und Medad sind im Lager in prophetische Verzückung geraten. Da ergriff Josua, der Sohn Nuns, der von Jugend an der Diener des Mose gewesen war, das Wort und sagte: Mose, mein Herr, hindere sie daran! Doch Mose sagte zu ihm: Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!

Einheitsübersetzung

 

Den Rahmen sprengen

Kürzlich war mein Vater zu Besuch und erzählte unseren Kindern aus seiner eigenen Kindheit. Gebannt hörten ihm meine Jungs zu und hingen ihm förmlich an den Lippen. Sie waren fasziniert davon, wie er mit wenig finanziellen Ressourcen, dafür mit viel Kreativität und Improvisationsvermögen den ziemlich heruntergekommenen Bauernhof wieder aufbauen konnte, nachdem er teilweise sogar zusammengestürzt war. Wie er, um an das Baumaterial heranzukommen, sich einen alten Trax kaufte und andere baufällige Bauernhäuser abriss.

Er erwähnte auch, wie er aufgewachsen war, und dass er aufgrund einschlägiger Erfahrungen in der Kindheit vor Amtspersonen lange Zeit einen übergrossen und geradezu lähmenden Respekt hatte. «Aha!», dachte ich mir, «das kommt mir bekannt vor!», und ich überlegte eine Weile, ob ich das möglicherweise von ihm geerbt hatte. Bis in meine Studienzeit hinein waren für mich Lehrer, Ärzte, Polizisten und Vorgesetzte Personen, denen man in keiner Weise widersprechen und vor denen man die eigenen Interessen hintenanstellen soll. Erst aufgrund des Studiums und der eigenen therapeutischen Ausbildung wurde ich diesbezüglich frei und lernte, mich selbst zu behaupten und selbstbewusst hinzustehen.

Heute habe ich beruflich viel mit Jugendlichen zu tun. Sie sind selbstbewusster, als ich das in ihrem Alter war, und getrauen sich, für ihre eigene Meinung einzustehen. Als Lehrer bin ich herausgefordert, mich darauf einzulassen. Obwohl das gelegentlich auch etwas mühsam sein kann, befürworte ich es und achte in der Erziehung der eigenen Kinder darauf, dass sie zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen. Viel zu lange wurden Menschen klein gehalten, damit sie für die Institutionen Schule, Kirche und Staat nicht unbequem wurden.

Dabei denke ich an das Standeswesen des Mittelalters, aber auch an die klaren Rollenzuweisungen zwischen Mann und Frau in der Zeit der bürgerlichen Familie. An den Grenzen gab es und gibt es bis heute institutionelle oder selbsternannte «Wächter», die minutiös aufpassen, dass niemand aus der ihm zugewiesenen Rolle und Funktion ausbricht.

In der obigen Textpassage geht es um die Frage, welchen Stellenwert das Charisma und die Berufung auch ausserhalb des Kreises der Erwählten hat. Moses, der in seiner Person den institutionellen Rahmen verkörpert, sprengt ihn selbst, indem er Josua zurückweist. «Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!»

Es ist das Charisma, worauf es ankommt. Vielleicht habe ich als Theologe viel zu lange auf institutionelle Bevollmächtigung gewartet, statt dem eigenen Charisma zu folgen. Und letzten Endes geht die Aufforderung an uns alle. Wir sind dazu aufgerufen, Kirche zu gestalten und zu verändern. Wir tun dies mit den Begabungen, die wir mitbringen und mit der dazugehörenden «Be-Geisterung». Wir tun es mit dem Wenigen, was wir haben. In Zeiten zunehmend verwaister Pfarreien kommt es noch viel stärker darauf an, dass wir uns einbringen und uns nicht vom ins­titutionellen Gehabe aufhalten zu lassen.

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter, arbeitet als Berufsschullehrer und Fachhochschuldozent