Die Vision des heiligen Antonius, in der Darstellung von Joos van Craesbeeck (um 1650, Öl, Ausschnitt): Antonius sitzt mit einem Buch an einen Baum gelehnt (rechts unten), während sich der ­Höllenschlund im Mund des Riesen (links) öffnet. | © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
09.01.2020 – Impuls

MATTHÄUS 19,16.20B–22

Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? … Alle … ­Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? ­Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach. Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein grosses Vermögen.

Einheitsübersetzung 2016

 

Demut ist der Mut eines Aussteigers

«Ich sah alle Schlingen des bösen Feindes über die Erde ausgebreitet. Da seufzte ich und sagte: Wer kann ihnen entgehen? Da hörte ich eine Stimme, die sagte zu mir: die Demut.»

Die Diagnose möchten wir wohl teilen, die Therapie hingegen erstaunt. Die Vision des hl. Antonius ist oft in der Kunst (lust- und fantasievoll) dargestellt worden als Versuchung durch alle Kräfte des Bösen. Antonius aber erliegt ihr nicht, wehrt sich aber auch nicht. Er lässt sich nicht stören in seiner Meditation. Was die Bilder meist verschweigen: Antonius sah nicht nur sein eigenes Leben in Bedrängnis. Vielmehr nahm er die Kräfte des Bösen als globale Erscheinung wahr.

Zu seiner Zeit war das Christentum im grossen Aufbruch. Es hatte sich von einer verfolgten Sekte im Untergrund der römischen Gesellschaft zur offiziellen Staatsreli­gion gewandelt. Erstmals nahm die Kirche teil an der Macht und verbreitete sich über das ganze römische Reich. Damit waren all die Versuchungen verbunden, die die Macht stets begleiten: Stolz, Reichtum an Besitz und Beziehungen, der Hang zur Selbstdarstellung, Aufbau von kirchlichen Institutionen, die von Dienern zu Herren wurden. Wie kann eine Kirche, die plötzlich gross und einflussreich wird, den Versuchungen der Macht entkommen? Die Stimme der Vision rät dringend zur Demut.

Wir stimmen zu: Die Geschichte der Kirche ist nicht geprägt durch Selbstbegrenzung und Bescheidenheit, auch wenn immer wieder kritische Lichtgestalten zu Demut, zur Armut und zur Bindung an das Evangelium aufriefen. Diese unbequemen Propheten innerhalb der Kirche hatten vielfach das gleiche Schicksal wie die Propheten des Alten Testaments: Die meisten wurden umgebracht, einige wurden heiliggesprochen. Antonius hat in der Verborgenheit seiner Einsiedlergemeinschaft überlebt. Seine mahnende Stimme ist nicht verstummt, sie klingt bis heute weiter in den Menschen, die innerhalb und ausserhalb der Kirche zur Demut aufrufen.

Aber können demütige Menschen die Welt verändern? Können sie aufkommen gegen die Hochmütigen, die laut und gewalttätig daherkommen und vor allem sich selbst grossartig finden? Wir neigen wohl dazu, in einer gewissen Wut Widerstand zu organisieren und den Mächtigen zu zeigen, dass sie nicht allein das Sagen haben. Dafür aber müssen wir uns aufplustern, also uns so gross wie möglich zeigen. Die Demütige hingegen lässt sich nicht zum Aktionismus verführen und antwortet nicht mit den Waffen der Konkurrenz. Sie ist beharrlich in der Hoffnung, denn sie weiss, dass alle Macht der Welt zerbricht. Vielleicht macht sie manchmal einen zögerlichen oder unmutigen Eindruck. Das kommt daher, dass sie nicht jeden Gegner ernst und jeden Fehdehandschuh aufnimmt.

Es mag sein, dass heute Lautstärke und Medienpräsenz zählen und hinter all diesem die Finanzkraft. Ich verstehe den Rat der Vision des Antonius als Aufruf zur Verweigerung. Sich nicht zu verbrauchen im Wettrennen um Karriere und Anerkennung, stattdessen mit Standhaftigkeit und Ehrlichkeit eine Alternative zu leben, das scheint mir ein guter Rat. Dass solche Verweigerung Mut braucht, zeigt die Reaktion des jungen Mannes, dem Jesus rät, auszusteigen und ein Leben zu führen, das auf die Gottesnähe baut. Was halten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, von Demut?

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland­­