Manchmal wird der Rucksack schwer. Aber er enthält auch, was uns das Leben einfach und leicht macht. | © Steffen Deubner/pixelio.de
23.05.2019 – Impuls

PSALM 34,2–3.5–6.8
«Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. Meine Seele rühme sich des Herrn; die Armen sollen es hören und sich freuen … Ich suchte den Herrn und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten. Der Engel des Herrn umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.»

Einheitsübersetzung 2016

 

«Das Gewöhnliche ungewöhnlich gut tun»

Ich erinnere mich an einen besonderen Rucksack, mit dem ich in den 70-er und 80-er Jahren unterwegs war. Aus einfachem grünem Segeltuch war er und oben schnürte man ihn mit einer Kordel zu. Darin immer ein Taschenbuch, gelb, zerknittert von den Reisen, vom Durchblättern, Lesen, Nachdenken. Darin auch die Worte: «Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.» Es sind Worte aus der Regel von Taizé. Dieses und viele andere Worte hatte ich gelesen wie eine fortdauernde Meditation. Die Worte waren wie ein belebendes Vitamin für mich. Es waren Worte, die Leichtigkeit und Einfachheit versprühten. Sie «hüpften» gleichsam in mir.

Und wenn unsere persönliche oder momentane Situation der Natur und Gesellschaft keinen Anlass zur Freude geben? In der vergangenen Woche nahm ich an einer Konferenz der evangelischen Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger in Deutschland teil. Ich entdeckte in mir eine gewisse Scham, katholisch zu sein. Warum nur stand auf meinem Namensschild «Kath. Gefängnisseelsorgerin»! Die Missbrauchsskandale stellen alle wie an eine Wand. Ich bemühte mich doch immer, sorgfältig und kompetent zu sein, wie meine Kolleginnen, Kollegen und hingebungsvollen Freiwilligen auch. Fremdschämen nennt man das. Ich weiss noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bräuchte ihre Gemeinschaft mehr denn je.

Wie kommen diese Einfachheit und Leichtheit in das Leben? Da las ich, dass der hl. Philipp Neri 1515 in Florenz zur Welt kam und eine Frohnatur war.

«Wir sollen das Gewöhnliche ungewöhnlich gut tun», sagt er. Oder zum Gebet heisst es bei ihm: «Wir dürfen nicht von unserem Gebet lassen wegen Zerstreuung und Unruhe des Geistes, auch wenn es unnütz erscheint, damit fortzufahren. Wer seine gewohnte Zeit ausharrt und dabei seinen Geist ruhig zum Gegenstand seines Gebetes hinlenkt, erwirbt sich dadurch grosses Verdienst.»

Im selben Jahr 1515, nur wenige Monate früher als der hl. Philipp, ist die hl. Teresa von Avila in Spanien geboren. Sie schrieb in «Das Buch meines Lebens»: «Denn meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt» (Kap 8,5).

Was für ein Jahr muss es gewesen sein, als diese beiden Heiligen zur Welt kamen und Vertrauen, Kraft und in allem Einfachheit vermittelten! Es war eine schwierige Zeit. Die Verfolgung durch Inquisition und Gefängnis drohte. Doch war es auch eine Zeit voller Aufbrüche, mit Innerlichkeit und Mut im Leben.

Der Rucksack des Lebens ist nicht nur schwer, sondern auch voller neuer Impulse für das innere Wachstum und die Kraft für das gewöhnliche Tun im Jetzt.

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge und in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung in den Kantonen Basel-Stadt und Zug