Mentari Baumann (28), Geschäftsleiterin der «Allianz Gleichwürdig Katholisch». | © Ruben Sprich/«pfarrblatt» Bern
02.12.2021 – Aktuell | Hintergrund

«Die Kirche ist nicht Politik, sondern Teil unseres Lebens»

Mentari Baumann ist das Gesicht der «Allianz Gleichwürdig Katholisch»

Sie ist jung, weiblich und homosexuell. Und sie will die katholische Kirche zu mehr Gleichberechtigung führen: Die Bernerin Mentari Baumann (28) ist ab Dezember Geschäftsleiterin der «Allianz Gleichwürdig Katholisch».

Die katholische Kirche ist geprägt von älteren Männern, die Frauen keine Gleichberechtigung zugestehen und homosexuelle Paare nicht einmal segnen. Was ist Ihre Motivation für diese Stelle?

Mentari Baumann: (lacht) Genau das! Wenn ich die katholische Kirche von aussen betrachten würde, hätte ich auch Mühe mit ihr. Sie stimmt nicht überein mit der Art und Weise, wie die Gesellschaft Gleichstellung versteht. Aber ich bin in dieser Kirche aufgewachsen. Ich bin zwar ein wenig anders, als es den offiziellen Kirchenvertretern/innen gefällt, aber das bedeutet nicht, dass ich die Kirche ihnen überlasse.

Haben Sie Hoffnung, dass Sie etwas verändern können in Richtung Gleichstellung?

Wir werden diese Kirche nicht innert Jahresfrist auf den Kopf stellen, das ist weder realistisch noch gewünscht. Aber ich glaube, dass wir einen Schritt weiterkommen.

Eine Ihrer Hauptaufgaben ist die Vernetzung. Sie sind selber bislang im Kirchenkontext wenig bekannt. Wie können Sie da vernetzen?

Ich komme von aussen in diese professionalisierte Kirchenarbeit. Aber ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, ich werde am Anfang viel Kaffee trinken gehen (lacht).

Sie werden Kampagnen und Projekte durchführen. Was wird das erste Projekt sein?

Ich werde als Erstes eine Webseite aufbauen. Welche Tools wir hier einsetzen, ist derzeit noch offen. Ausserdem ist ein Label geplant. Dieses soll Pfarreien und Organisationen verliehen werden, die unsere Vision umsetzen: Gleiche Würde und gleiche Rechte in der katholischen Kirche. Dazu werde ich Kontakt aufnehmen mit Organisationen wie Oeku, die das Label «Grüner Güggel» verleihen, um zu erfahren, wie man dabei vorgeht.

Was bedeutet Ihnen die katholische Kirche persönlich?

Sie ist meine Heimat. Sie ist nicht nur die Institution im Vatikan, sie ist eine Glaubensgemeinschaft. Eine Gemeinschaft von Menschen, die sich Gott nahe fühlen, die das Evangelium leben wollen. Die Kirche ist nicht einfach nur Politik. Aber sie wird als Politik ausgelegt: Als Weltkonzern, in dem Geld fliesst, mit Machtverhältnissen. Aber eigentlich ist sie das nicht, sondern sie ist Teil von unserem Leben.

Was ist Ihnen wichtig an diesem Glauben?

Gott ist mir wichtig, meine Beziehung zu ihm und zu anderen Menschen, die Teil dieser Beziehung sind. Es ist mir ein Anliegen, dass niemand das Gefühl bekommt, dass er oder sie nicht Teil dieser Beziehung sein darf. Das erfordert einen Kulturwandel, der Zeit braucht. Aber Projekte wie diese Allianz können einen solchen Kulturwandel anstossen.

Gab es auch Krisen in Ihrem Glaubensleben?

Als Jugendliche habe ich mich von der Kirche distanziert. Als ich Jahre später andere Jugendliche nach Taizé begleitet habe, hatte ich gute Gespräche mit den Mönchen, mit einem indonesischen Bruder. Dadurch bin ich zurückgekommen. Im Studium habe ich gelernt, wieder über Glaubensfragen zu sprechen und meinen persönlichen Glauben in einen grösseren Kontext zu stellen.

Was für berufliche Erfahrungen bringen Sie mit?

Mein Handwerk sind Marketing und Kommunikation. Im Rahmen meiner KV-Ausbildung habe ich beim Bund gearbeitet. Hier war ich ein Jahr im Krisenzentrum tätig, als der Tsunami ausbrach. Aus der Politik weiss ich, was diplomatisches Lobbying bedeutet. Danach war ich in der Privatwirtschaft tätig, in der Kommunikation und Kundenbetreuung. Aktuell arbeite ich in der Kommunikation von «Blutspende SRK» (Schweizerisches Rotes Kreuz, d. Red.).

Sie sind auch noch Studentin.

Ich mache einen interdisziplinären Master in Politik, Religion und Wirtschaft an den Universitäten Luzern, Basel und Zürich. Hier belege ich viele theologische Inhalte.

Sie haben die Stelle unter anderem bekommen, weil sie in der Kirchenszene ein unbeschriebenes Blatt sind. Wieso werden Sie kirchenpolitisch erst jetzt aktiv?

Aus Zeitgründen, und weil mir die Vorbilder gefehlt haben. In der Politik habe ich Vorbilder, die mir inhaltlich und vom Alter her nahe sind. Das hatte ich in der Kirche nicht.

Werden Sie das ändern?

Ich hoffe es.

Wie?

Indem wir sichtbar sind. Nehmen wir Instagram als Beispiel. Hier kann man dabei sein, ohne dass man ein Commitment ablegen muss: Man muss nicht mitmachen, nicht kommentieren, nicht liken. Für den ersten Schritt braucht es das. An kleineren Orten kann man kaum einen Fuss in eine Kirche setzen, ohne dass es heisst: «Oh, jemand Junges. Wir brauchen jemanden für das Minifest» … Das ist zu viel am Anfang. Das macht Angst.

Sie sind GL-Mitglied der FDP-Frauen und Co-Präsidentin der LGTB-Fachgruppe der FDP, ausserdem Präsidentin der Pride in Zürich. Wie bringen Sie das alles zeitlich unter einen Hut?

Es kommt mir sehr entgegen, dass ich monothematisch unterwegs bin: Ich bearbeite das Thema Gleichstellung. Ich habe kein politisches Amt inne, sonst müsste ich mich immer wieder in neue Themen einarbeiten. Ich habe somit deutlich weniger Aufwand und kann auch Synergien nutzen.

Sie haben einen reformierten Vater aus Bern, eine katholische Mutter aus Indonesien. Was für eine Beziehung haben Sie heute zu Indonesien?

Indonesisch ist meine erste Sprache. Bevor ich eingeschult wurde, habe ich einen grossen Teil meiner Lebenszeit in Indonesien verbracht. Die Schule habe ich aber in der Schweiz absolviert. Darum ist mein Deutsch besser als mein Indonesisch. Ich versuche jedoch, die indonesische Sprache zu behalten und auch politisch im Bild zu bleiben.

Wie reagierte Ihre indonesische Familie darauf, dass Sie lesbisch sind und sich für LGBT-Themen einsetzen?

In Indonesien wird über Homosexualität nicht gesprochen, in einigen Provinzen ist es sogar illegal. Meine Familie hatte vor mir keinerlei Erfahrungen mit Homosexualität, das hat es nicht einfacher gemacht. Aber ich denke, wir sind auf gutem Weg. Deshalb war ich in den letzten Jahren weniger in Indonesien. Inzwischen weiss meine ganze Familie das und meine Frau und ich werden, sobald Corona es erlaubt, nach Indonesien fahren.

Interview: Sylvia Stam

Das Interview ist zuerst im «pfarrblatt» Bern erschienen.