Piz Cengalo im Jahr 2008, vor den Bergstürzen 2011 und 2017, in denen sich mehrere Millionen Kubikmeter Gestein lösten.|© wikimedia/Anidaat
15.08.2018 – Aktuell

Bondo muss mit der Gefahr leben

Ein Jahr nach dem verheerenden Bergsturz am Piz Cengalo

Am 23. August 2017 lösten sich am Piz ­Cengalo Gesteinsmassen und verursachten eine gewaltige Schlammlawine, die acht Todesopfer forderte und massive ­Zerstörung anrichtete. Ein Jahr später ist Bondo auf dem Weg zurück in die Normalität. Entwarnung gibt es jedoch nicht. ­Caritas Schweiz vertritt in der Spenden­kommission die Interessen der Stiftung Glückskette. 

Ein Jahr nach der Katastrophe sind die Spuren der Zerstörung in Bondo noch immer sichtbar. Zugleich ist aber auch erkennbar, dass sich das Bergeller Dorf am Eingang
des Seitentals Val Bondasca auf dem Weg ­zurück in die Normalität befindet. Das Geschiebebecken ist ausgebaggert, die zerstörten Häuser sind abgerissen, der Wieder­aufbau der Infrastruktur ist in Planung und zum Teil schon im Gang. Die Gefahren, die vom Berg ausgehen, sind aber nicht verschwunden. Starke Sommergewitter können jederzeit neue Murgänge auslösen. Am 7. ­August wurde bekannt, dass der Berg nach einer ruhigen Phase im Juli erneut in Bewegung geraten ist.

Gewitter sorgen für Unruhe 

Anna Giacometti, Präsidentin der Gemeinde Bregaglia, ist froh, wenn die definitiven Schutzbauten einmal erstellt sein werden: «Die provisorischen Bauten geben uns Schutz. Aber wenn es im Val Bondasca gewittert, dann sind die Leute hier beunruhigt.» Am 23. August 2017 donnerten drei Millionen Kubikmeter Bergsturzmaterial vom Piz Cengalo ins Bondasca-Tal und lösten mehrere Murgangschübe aus. Acht Wanderer starben in der Val Bondasca. 150 Bewohnerinnen und Bewohner in Bondo mussten für Wochen ihre Wohnungen verlassen. Drei Gewerbebetriebe wurden von den Murgängen in Mitleidenschaft gezogen. Neun Gebäude mit Totalschaden wurden kürzlich abgerissen. Ein Teil der beschädigten Gemeindeinfrastruktur befindet sich im Wiederaufbau, Trinkwasser- und Stromversorgung funktionieren schon seit einiger Zeit. «Gibt es keine grossen Murgänge mehr, dann sollten alle Projekte 2023 abgeschlossen sein», sagt Giacometti. Auch ein vergrössertes Geschiebebecken wird der Bevölkerung bis zu diesem Zeitpunkt mehr Schutz bieten.

Koordinierter Einsatz der Spenden

Die im zweistelligen Millionenbereich liegenden Kosten der Räumungs- und Wiederinstandstellungsarbeiten sowie der neu zu errichtenden Schutzbauten werden mehrheitlich durch Bund, Kanton und die Gemeinde finanziert. Diese ausserordentlichen Ausgaben sind für Bregaglia eine hohe Belastung. Hier kann Anna Giacometti auf die Unterstützung der Hilfswerke zählen: «Wir sind dankbar für jede Spende, die für uns getätigt wurde. Wir hoffen, so alle Kosten bewältigen zu können und die Steuern im Tal nicht erhöhen zu müssen.»

Blick aus dem Postauto im Juli 2018: Die Spuren des Bergsturzes sind in Bondo immer noch sichtbar. | © zvG.

Damit die Spendengelder koordiniert und nach einheitlichen Kriterien eingesetzt werden, hat die Bündner Regierung eine Spendenkommission eingesetzt. Caritas Schweiz vertritt darin die Interessen der Stiftung Glückskette. Diese hat Caritas Schweiz mandatiert für die Umsetzung jener Hilfe, die mit den Glückskette-Spenden finanziert werden soll. Ausserdem hat die Caritas der Gemeinde aus ihren eigenen Spenden einen ersten Beitrag von einer Million Franken zur Verfügung gestellt: Die Spendenkommission kann diesen Beitrag dort einsetzen, wo der Bedarf am dringlichsten ist. Auch betroffene Privatpersonen und KMUs, die sich nach Versicherungsleistungen mit Restkosten konfrontiert sehen, können bei der Kommission einen Antrag auf einen Beitrag stellen. Dass die Spendengelder nach dem effektiven Bedarf und nicht nach dem Giesskannenprinzip ausgegossen werden, ist Anna Giacometti sehr wichtig.

Gelernt, mit der Gefahr zu leben

Noch hat das Bergell nicht vollständig zur Normalität zurückkehren können. Am Piz Cengalo sind weitere Felsmassen absturzgefährdet und im Val Bondasca liegen schätzungsweise 1,5 Millionen Kubikmeter Schuttmaterial, welche sich bei Starkniederschlägen rasch in einen neuen Murgang entwickeln können. Damit die Bewohnerinnen und Bewohner der Ortsteile Bondo, Promontogno, Sottoponte und Spino, die in unmittelbarer Nähe der Bondasca leben, ruhig schlafen können, wird der Berg mit Radarmessungen überwacht. Zudem löst ein Alarmsystem ein Signal aus, sobald sich neue Murgänge bilden. Bondo hat lernen müssen, mit der Gefahr zu leben.

Silvano Allenbach,  Leiter Fachstelle Katastrophenhilfe Schweiz, Caritas Schweiz