Eine Begegnung an einem einsamen Ort am Strand des Meeres führte den heiligen Justin auf seinem philosophischen Weg zum christlichen Glauben. | © Robert Brenner/pixelio.de
31.05.2019 – Impuls

 

PSALM 34,5–9

Ich suchte den Herrn und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen.
Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten.
Da rief ein Armer und der Herr erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten.
Der Engel des Herrn umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.
Kostet und seht, wie gut der Herr ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!
Einheitsübersetzung 2016

 

Auf der Suche nach der Wahrheit

Ich erinnere mich noch gut an die Anfangszeiten meines Theologiestudiums. Irgendwie war ich enttäuscht, dass die ersten zwei Studienjahre zum grössten Teil mit philosophischen Fächern gefüllt waren. Schliesslich wollte ich ja Theologie studieren. Ich wollte doch so schnell als möglich voll in die «richtige Materie» einsteigen! Warum also diesen Umweg über die Philosophie? Dass das für mich, als gläubige junge Frau, eine ganz gute Denkschule war, habe ich erst etwas später begriffen.

Den «Umweg» über die Philosophie ist auch der Heilige Justin gegangen. Er wuchs in einer heidnischen Familie auf und studierte in seiner Jugendzeit Philosophie. Auf seiner langen Suche nach der Wahrheit durchwanderte er die verschiedenen Schulen der griechischen Philosophie – insbesondere die platonische und die stoische Schule. Doch sein Durst nach Wahrheit wurde dadurch nicht gestillt. Die Philosophen enttäuschten ihn.

Als sich Justin an einen einsamen Ort am Strand des Meeres zurückzog, hatte er eine entscheidende Begegnung mit einem geheimnisvollen greisen Mann. Dieser stürzte ihn zunächst in eine Krise, weil er ihm die Unfähigkeit des Menschen bewies, das Streben nach dem Göttlichen allein aus eigener Kraft zu befriedigen. Dann zeigte er ihm in den alten Propheten die Menschen, an die er sich wenden sollte, um den Weg Gottes und die «wahre Philosophie» zu finden. Bei der Verabschiedung gab ihm der Greis folgenden Rat mit auf den Weg: «Bete vor allem darum, dass dir die Tore des Lichts aufgetan werden, denn niemand kann schauen und begreifen, ausser wenn Gott und sein Christus es einem gewähren, dies zu verstehen» (Dial. 7,3). Die Erzählung versinnbildlicht das entscheidende Ereignis im Leben des Justin: Am Ende eines langen philosophischen Weges der Suche nach der Wahrheit gelangte er zum christlichen Glauben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir Christen unseren Verstand ausschalten müssen, wenn es um Gott geht. Christen ist das Denken nicht verboten!

Das habe auch ich mit Freude entdecken dürfen in meinen ersten Studienjahren. Eine mir nahestehende Person meinte damals: «Pass auf, dass du vor lauter studieren und philosophieren, vor lauter denken und hinterfragen, deinen Glauben nicht verlierst!»

Doch diese Sorge war unbegründet. Ich durfte erfahren, dass sich Glaube und Vernunft nicht ausschliessen, sondern dass sie vielmehr aufeinander verweisen. Heute behaupte ich sogar, dass die philosophischen Fächer für mich zu den wichtigsten meines ganzen Studiums zählen. Das kritische Hinterfragen und Suchen, das Verstehen- und Erklären-Wollen und gleichzeitig Einsehen-Müssen, dass man nicht alles verstehen und erklären kann, hat meinen Glauben nicht geschmälert, sondern bestätigt und bestärkt. Es hat mich mit Dankbarkeit erfüllt, weil Glaube letztlich ein Geschenk ist – ein Geschenk, um das wir Gott auch bitten dürfen, wie der Psalm zum Gedenktag des Heiligen Justin bestätigt: «Ich suchte den Herrn und er gab mir Antwort.»

Nadia Miriam Keller, Theologin, ursprünglich Pflegefachfrau, arbeitet in der Pfarrei St. Odilia, Arlesheim