Asia Bibi im Februar 2020 in Paris. | © «Kirche in Not (ACN)»
28.02.2020 – Aktuell

«Es ist den Medien zu verdanken, dass ich noch lebe»

Begegnung mit der in Pakistan jahrelang mit dem Tod bedrohten katholischen Bäuerin

Während eines Aufenthalts in Frankreich hat Asia Bibi politisches Asyl beantragt. Das meldete das katholische Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)», das ihr Schicksal seit ihrer ersten Verurteilung im Jahr 2010 verfolgt hat, am 27. Februar. Im Gespräch mit Thomas Oswald vom französischen Zweig des Hilfswerks berichtet die weltweit bekannt gewordene pakistanische Christin von der Verfolgung durch muslimische Fanatiker und von ihrem Weg in die Sicherheit.

Offensichtlich ist Asia Bibi müde. Interviews und offizielle Treffen nehmen die wenigen Tage in Anspruch, die sie diesen Februar in Frankreich verbringt. Doch sie lächelt den Fotografen zu, die unablässig Bilder machen, und gibt tapfer eine Reihe Interviews: «Es ist den Medien zu verdanken, dass ich noch lebe», versichert sie.

Opfer eines absurden Gesetzes

Das Ende ihres Leidensweges verdankt sie nach ihren Worten vor allem der französischen Journalistin Anne-Isabelle Tollet, die sie «ihre Schwester» nennt und die ihr bei der Veröffentlichung des Buches «Enfin libre!» («Endlich frei!», erschienen auf Französisch im Januar 2020 im Verlag Editions du Rocher, Paris) geholfen hat. Diese Autobiografie erzählt, wie die pakistanische, katholische Bäuerin zu einer weltweiten Ikone des Widerstands gegen den islamischen Fundamentalismus wurde. Von ihren muslimischen Nachbarn der Blasphemie beschuldigt, verbrachte Asia Bibi neun Jahre im Gefängnis, unter Androhung der Hinrichtung, nachdem sie zum Tode verurteilt worden war. Das pakistanische Anti-Blasphemie-Gesetz wird häufig zur Beilegung einfacher Nachbarschaftsstreitigkeiten herangezogen und hat schlimme Folgen. Die Angeklagten werden oft von einem wütenden Mob gelyncht oder «verschwinden», «begehen Selbstmord» im Gefängnis. Die Medienberichterstattung über Asia Bibi hat sie vor diesem Schicksal bewahrt.

Am 31. Oktober 2018 wurde sie vom pakistanischen Obersten Gerichtshof auf Berufung freigesprochen und konnte nach vielen Höhen und Tiefen am 8. Mai 2019 – dank des internationalen Drucks – endlich nach Kanada ausreisen. Es gibt jetzt eine «Asia-Bibi-Rechtsprechung», die es den der Blasphemie Beschuldigten erlaubt, sich gegen ihre Ankläger zu wenden. Das Anti-Blasphemie-Gesetz existiert in Pakistan immer noch, aber es ist zu einem Risiko geworden, es zu benutzen, um jemandem zu schaden.

«Wir sind seit mehr als tausend Jahren Christen»

«Ich hätte nie gedacht, dass ich berühmt werden würde», sagt Asia Bibi mit ihrer leisen Stimme. Sie erzählt von einer glücklichen Kindheit in ihrer Heimat Pakistan: «Ich habe mit meinen muslimischen Nachbarn gespielt, es gab keine Trennung», erinnert sie sich nostalgisch. Im Alter von acht Jahren getauft, kann sie ihren Glauben ohne Schwierigkeiten leben. Was ihr religiöses Erbe angeht, erinnert sie an die lange Geschichte der pakistanischen Christen: «Wir sind seit mehr als tausend Jahren Christen.» Mit der Zeit wird Asia Bibi jedoch bewusst, dass es doch Unterschiede zwischen Christen und Muslimen in ihrem Land gibt. Sie erfährt von Angriffen gegen Christen. Einige werden von wütenden Mobs gelyncht. Es gibt auch Vorfälle von Muslimen, die junge christliche Frauen entführen und sie zwingen, zum Islam überzutreten, um sie zu heiraten.

Christen sind «unrein»

Asia Bibi entdeckt auch, dass Muslime Christen als «unrein» betrachten. Wegen dieses Irrglaubens wird ihr Leben an einem heissen Tag, dem 14. Juni 2009, auf den Kopf gestellt. Bei der Arbeit mit muslimischen Nachbarn wird sie gebeten, Wasser zu holen. Sie gehorcht, holt das Wasser und trinkt dann aus einer Tasse, bevor sie den anderen den Behälter bringt. Eine der Frauen weigert sich zu trinken, weil Asia die Flüssigkeit «unrein» gemacht hätte. Asia Bibi verteidigt sich, indem sie sagt, dass sie nicht glaube, dass der Prophet Mohammed dem zustimmen würde. Ihr wird gesagt, dass sie gerade Blasphemie begangen habe. Es folgen das Gefängnis, die von Fundamentalisten herbeigeführte Flucht ihrer Familie, die Verurteilung zum Tod durch den Strang … Eine Gerichtsodyssee, die 2019 ein glückliches Ende findet. Wenn sie über diese schwierige Zeit ihres Lebens spricht, ist kein Ärger zu spüren, nur Traurigkeit und Müdigkeit.

Es gibt andere «Asia Bibis»

Aber Asia weiss, dass sie in ihrer Lage nicht allein ist, und sie will das Mikrofon nutzen, um für diejenigen zu sprechen, die in ihrem Heimatland noch immer der Blasphemie beschuldigt werden. Sie wird lebendiger und ihre bis dahin leise Stimme wird drängender: «Während meiner Haft habe ich die Hand Christi gehalten, ihm habe ich es zu verdanken, dass ich standhaft geblieben bin. Habt keine Angst!» Hinter ihrer neu gewonnenen Lebendigkeit können wir die Stärke einer Frau erahnen, die zehn Jahre schrecklicher Prüfungen nicht zu Fall bringen konnten. Dieselbe Frau, die sich immer geweigert hat, ihre Familie zu verlassen oder ihrem Glauben abzuschwören, wie man es nach ihrer Verhaftung verlangt hatte; so hätte sie einer Verurteilung entgehen können.

Trotz allem hat sie ihr Land verlassen müssen. Sie hofft, eines Tages zurückzukehren: «Dies ist meine Heimat, ich liebe Pakistan von Herzen!», sagt sie. In Erwartung ihrer Rückkehr würde sie gerne in Frankreich leben: «Mir ist hier viel Liebe entgegengebracht worden, ich glaube, ich würde mich bei euch sehr wohl fühlen.»

Dieser Beitrag wurde vom internationalen katholischen Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)» zur Verfügung gestellt.

 

Die französische Journalistin Anne-Isabelle Tollet zusammen mit Asia Bibi. | © François Thomas
Die französische Journalistin Anne-Isabelle Tollet zusammen mit Asia Bibi. | © François Thomas
Pakistanische Christinnen beim Gebet. | © «Kirche in Not (ACN)»/Magdalena Wolnik
Pakistanische Christinnen beim Gebet. | © «Kirche in Not (ACN)»/Magdalena Wolnik