Ausgabe 45, 4. bis 10. November 2017

Gefühle der Fremdheit sind eine alltägliche Erfahrung. Wir müssen nur an einem Bahnhof oder in einer Abflughalle eine Weile warten, und schon stellt sich dieses Gefühl ein. (Foto: Wikimedia/Citizen59) Gefühle der Fremdheit sind eine alltägliche Erfahrung. Wir müssen nur an einem Bahnhof oder in einer Abflughalle eine Weile warten, und schon stellt sich dieses Gefühl ein. (Foto: Wikimedia/Citizen59)


Maleachi 1,14b–2,2b.8–10
Ein grosser König bin ich, spricht der Herr der Heere, und mein Name ist bei den Völkern gefürchtet.
Jetzt ergeht über euch dieser Beschluss, ihr Priester: Wenn ihr nicht hört und nicht von Herzen darauf bedacht seid, meinen Namen in Ehren zu halten – spricht der Herr der Heere –, dann schleudere ich meinen Fluch gegen euch …
Darum mache ich euch verächtlich und erniedrige euch vor dem ganzen Volk, weil ihr euch nicht an meine Wege haltet und auf die Person seht bei der Belehrung.
Und wir, haben wir nicht alle denselben Vater? Hat nicht der eine Gott uns alle erschaffen? Warum handeln wir dann treulos, einer gegen den andern, und entweihen den Bund unserer Väter?

Einheitsübersetzung


Unharmonische Geschwister

Gestern im Gespräch mit einem jüngeren Mann aus Moldawien. Ein kritischer Geist. Er erzählte mir von seinem Volk, den Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich, den Auswirkungen dieses Konflikts bis heute, von den Folterungen, welche er mit 18 Jahren in einem ukrainischen Gefängnis erlebt hatte und von langen Haftstrafen. Er macht sich viele Gedanken über den exzessiven Kapitalismus, welcher sich langsam über die ganze Welt legt und unser Leben beherrscht und den Armen dieser Welt den Lebensatem nimmt. Ein Mensch, der sich sehr viele Gedanken macht. Er habe ja Zeit, sagte er und denke ich. Er, ein krimineller Einzelgänger, der mir seine Überlegungen darlegt.

Im Gespräch merkte ich immer mehr, wie sehr ich ihn nicht verstehe, wie für mich sein Leben und Erleben, die Vergangenheit seines Volkes fremd ist, ja alles fremd ist. Ich merkte, wie ich mich innerlich zurückzog. Er wäre gerne noch länger im Pfarrzimmer gewesen, aber ich hielt diese Fremdheit nicht mehr länger aus. Wir würden im Gespräch bleiben, vertröstete ich ihn. Das halte ich auch ein. Aber ich denke schon mit schwerem Herzen an das nächste Gespräch.

Und ich lese im beigefügten Buch Maleachi eine harsche Kritik an der Priesterschaft. Sie verraten den Namen Gottes, sind für die Menschen in der damaligen Krisenzeit, in der der Jerusalemer Tempel wieder aufgebaut wurde, keine Orientierung, sondern eine Schande. Die Menschen verachten sie zu Recht. Und Maleachi stellt die Frage nach der allem zugrundeliegenden Wahrheit, die alles trägt: «Haben wir nicht alle denselben Vater? Hat nicht der eine Gott uns alle erschaffen? Warum handeln wir treulos, einer gegen den andern …»

Das ist der innerste Punkt, der Grund, der alles verbindet. Gefühle der Fremdheit sind menschlich. Sie sind eine alltägliche Erfahrung. Wir müssen nur in ein Tram steigen oder an einem Bahnhof eine Weile warten, und schon stellt sich dieses Gefühl ein. Die ist mir fremd. Jener stösst mich ab. In der Rush-hour wird man gestossen und man stösst auch die anderen. Mit den Ellbogen und Taschen geht es am besten. Einer gegen den anderen?

Wenn ich gehalten bin, im Innersten mich dieser für alles grundlegenden Frage des Propheten Maleachi zu stellen: «Und wir, haben wir nicht alle denselben Vater? Hat nicht der eine Gott uns alle erschaffen?» Diese Frage weicht das Herz auf. Ja, so ist es. Und darum halte ich den herausfordernden Gesprächspartner aus. Ja, es motiviert mich, ihn wieder zum Gespräch bei Tee und Kuchen einzuladen. Wahrscheinlich werde ich ihn nicht besser verstehen. Aber wir haben einen gemeinsamen Grund. Haben wir nicht alle denselben Vater? Ich beantworte diese Frage gerne mit Ja. Dabei kommen mir die Worte über die mutige und aufmüpfige Nonne Teresa von Avila in den Sinn, die kürzlich Mariano Delgado, ein grosser Kenner der spanischen Mystik, am Radio sprach. Sie war demütig gegenüber Gott und mutig gegenüber den Menschen und natürlich auch dem damaligen Klerus im 16. Jahrhundert gegenüber. «Denn du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste …» wird im Gloria gesungen. Diese «Einwurzelung» im Höchsten, in Gott macht mutig und erkennt im andern und in der anderen die Schwester oder den Bruder, wenn auch oft nicht im harmonischen Sinn.

Anna-Marie Fürst

 

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