Ausgabe 43, 21. bis 27. Oktober 2017

Der Obwaldner Dominikanerpater Peter Spichtig (49) ist seit 2004 Co-Leiter des Liturgischen Instituts der Schweizerischen Bischofskonferenz in Freiburg. (Foto: Christian von Arx)Der Obwaldner Dominikanerpater Peter Spichtig (49) ist seit 2004 Co-Leiter des Liturgischen Instituts der Schweizerischen Bischofskonferenz in Freiburg. (Foto: Christian von Arx)

«Jetzt geht ein Tor auf»

P. Peter Spichtig, Leiter des Liturgischen Instituts, zur Entwicklung bei der Übersetzung der liturgischen Bücher

Auf den 1. Oktober hat Papst Franziskus das Kirchenrecht in einem Punkt geändert, der sich weltweit auf die Sprache in den Gottesdiensten auswirken wird: Für die Übersetzungen der liturgischen Bücher erhalten die Bischofskonferenzen wieder mehr Spielraum, Rom besteht nicht mehr auf wörtlichen Übersetzungen aus dem Latein.

Pater Spichtig, was gehört denn alles zu den liturgischen Büchern, für deren Übersetzung Papst Franziskus mit seinem Motuproprio «Magnum principium» neue Regeln erlassen hat?
Peter Spichtig: Der ganze Meter Bibliothek in der Sakristei! Es sind die Texte, mit denen die Kirche den Glauben feiert. Das Messbuch, das Lektionar mit seiner Leseordnung für die drei Lesejahre. Die Texte für alle Sakramentenfeiern wie Taufe, Firmung, Eucharistie, Trauung, Ordination (Diakonen-, Priester- und Bischofsweihe) oder Krankensalbung. Aber auch die Begräbnisliturgie oder die Stundengebete der Tageszeitenliturgie wie Laudes, Vesper, Komplet. Die Bibel gehört insoweit dazu, als sie in der Kirche gelesen wird.

All diese Texte liegen ja auf Deutsch vor und werden bei uns in der Kirche verwendet. Wo liegt das Problem bei der Übersetzung?
Vor der Liturgiereform des Konzils in den 1960er-Jahren wurden alle diese Texte in der Kirche ausschliesslich auf Latein gelesen. Auch die Antworten, die das Volk gab: «Dominus vobiscum.» – «Et cum spiritu tuo.» Das Konzil verlangte nun, dass die Liturgie vom Volk verstanden wird. Das war das erste Mal in der katholischen Kirche, dass ihre Liturgietexte übersetzt wurden. Die heute in Gebrauch stehenden Übersetzungen der liturgischen Bücher gehen auf die 1970er-Jahre zurück. Sie tragen den Stempel ihrer Zeit, und es ist seit Langem klar, dass die Übersetzungen wieder überarbeitet und angepasst werden sollten.

Welche Rolle hat der Vatikan bisher bei der Übersetzung gespielt?
Zur Umsetzung der Liturgiereform erschien 1969 die Instruktion «Comme le prévoit», die auf eine sinngemässe, der Zielsprache angemessene Übersetzung zielte. Es ist schon so, dass man sich dabei auf Deutsch recht grosse Freiheiten nahm – im Vergleich zu den Fassungen in anderen Sprachen ist die gemeinsame Quelle nicht immer erkennbar. Als unter Papst Johannes Paul II. allgemein wieder mehr Bereiche zentralisiert wurden, wirkte sich das auch in der Liturgie merkbar aus, zulasten der Bischofskonferenzen. In der neuen Instruktion «Liturgiam authenticam» von 2001 wurde nun mehr Gewicht auf die Texttreue gelegt. In der Praxis verlangte der Vatikan wörtliche Übersetzungen aus dem Latein und griff im Rahmen der vorgängigen Überprüfung mit eigenen Formulierungen in die Fassungen der örtlichen Bischofskonferenzen ein.

Wie wirkte sich das aus?
Es hat sich gezeigt, dass das eine Übersteuerung war und in die Sackgasse führte. 2011 kam eine neue englische Übersetzung des Messbuches heraus. Sie ist in Gebrauch, führte aber zu anhaltenden Diskussionen. Umstritten ist etwa der sprachliche Einschluss der Frauen. In den Paulusbriefen werden «Brüder» angesprochen, Paulus meint aber die ganze Gemeinde. Wir haben heute eine andere Sensibilität und verstehen nicht mehr, dass Frauen einfach «mitgemeint» sein sollen: Wer heute «Brüder» sagt, schliesst Frauen aus, und das war nicht die Absicht von Paulus. In andern Fällen führte die wörtliche Übersetzung aus dem Latein im englischen Messbuch zu gestelzten und technischen Formulierungen, die im Alltag nicht gebräuchlich sind und nicht verstanden werden. Zum Beispiel mit dem aus dem Latein übernommenen Begriff «consubstantial» für die Aussage, dass Jesus im Wesen eins ist mit dem Vater. Das ist ein Murks.

Gibt es auch Probleme mit den Übersetzungen ins Deutsche?
Am neuen deutschen Messbuch wurde viele Jahre gearbeitet. Aber die Rückmeldungen aus Rom führten zu Formulierungen, die für die deutschsprachigen Bischöfe nicht akzeptabel waren. Man kam nicht zum Ziel, und 2013 haben die Bischöfe die Arbeit an der Neuübersetzung gestoppt, womit auch viel Geld versandet war. Eine eigentliche Totgeburt war zuvor schon die neue Begräbnisliturgie. 2009 war nach zehnjähriger Arbeit eine neue deutsche Begräbnisliturgie herausgekommen. Aber die Übersetzung war so wörtlich, dass sie in der seelsorgerlichen Praxis nicht zu brauchen war. Zum Begräbnis muss die Kirche eine Sprache finden, die für die Angehörigen der Verstorbenen verständlich ist. Doch auch konservative Bischöfe kamen zum Schluss, dass die Neuübersetzung das nicht schaffte. Schon nach einem Jahr bezeichneten die Bischöfe das Projekt als gescheitert und zogen die Begräbnisliturgie 2010 zurück.

Ist seither wieder die vorherige Fassung in Gebrauch?
Nein, die Bischöfe erteilten den Liturgischen Instituten der deutschsprachigen Länder den Auftrag zur Überarbeitung. Diese Arbeit, an der ich auch mitwirkte, hat gezeigt, dass es einfach Wendungen gibt, die man nicht wörtlich aus dem Latein ins Deutsche übernehmen kann. Wir können nicht von den «Ohren der Barmherzigkeit» sprechen. Das Bestehen auf der wörtlichen Übersetzung war eine ideologische Sache. Im Jahr 2011 hat die Kommission ein Manual zur kirchlichen Begräbnisfeier erarbeitet, das seither gebraucht wird, ohne die Approbation von Rom. Das zeigt die Dramatik der Frage.

Was bedeutet es, dass der Papst jetzt mit dem Motuproprio «Magnum principium» die Kompetenzen geändert hat?
Jetzt geht ein Tor auf. Im geänderten Kanon 838 des Kirchenrechts heisst es, dass die Bischofskonferenzen die getreu und in angemessener Weise angepassten Übersetzungen der liturgischen Bücher zu besorgen haben. Der Apostolische Stuhl erteilt eine abschliessende Bestätigung. Das ist keine einsame Entscheidung des Papstes, sondern die zuständige Kongregation ist miteinbezogen und nimmt das ernst, wie einer Erklärung von Erzbischof Arthur Roche, dem Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, zu entnehmen ist. Damit geht die Verantwortung für die Übersetzungen wieder an die Bischofskonferenzen zurück. Es war ja demütigend, dass die Bischöfe, zu denen auch grosse Theologen wie Kardinal Lehmann oder Kurt Koch gehörten, nicht selber über den Wortlaut der Übersetzungen in ihre Sprachen entscheiden konnten. Die neue Regelung bringt eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Bischofskonferenzen und dem Heiligen Stuhl mit dem Ziel einer guten und verständlichen Sprache in der Liturgie.

Sind Sie überrascht über die Entscheidung aus Rom?
Ich wusste, dass Papst Franziskus Anfang 2017 eine Arbeitsgruppe eingesetzt hat, um zu prüfen, wie es weitergehen könnte. Aber der Entscheid ist für mich doch aus heiterem Himmel gekommen. Ich bin positiv überrascht.

Wie geht es nun in der Schweiz oder im deutschsprachigen Raum weiter?
Unabhängig von der neusten Entwicklung werden als erstes neue Lektionare herauskommen, in welche die Texte der neuen Einheitsübersetzung der Bibel eingearbeitet sind. Das erste wird auf den Advent 2018 erscheinen. Für das weitere Vorgehen werden sich die Bischöfe der deutschsprachigen Länder und Gebiete absprechen. Das wichtigste Gremium dafür ist das Forum Liturgie im deutschen Sprachgebiet, zu dem die für die Liturgie zuständigen Bischöfe gehören, aus der Schweiz Abt Urban Federer. Ein neues Messbuch ist sicher dringlich. Aber vielleicht ist es klug, mit etwas anderem anzufangen, das etwas weniger heikel ist. Zum Beispiel mit dem Benediktionale (Segensbuch), das die Texte für alle Segnungen enthält, oder mit dem Firmbuch.

Sehen Sie im Entscheid des Papstes ein Zeichen für die Dezentralisierung der Weltkirche über den Bereich der Liturgie hinaus?
Ich denke schon. Papst Franziskus arbeitet daran, auch mit dem von ihm eingesetzten Kardinalsrat (K9) für die Reform der Kurie. Ein Paradox besteht darin, dass diese Dezentralisierung jetzt zentralistisch beschlossen wird. Die Stärkung der Ortskirchen ist nicht eine willkürliche Zielsetzung des Papstes, sondern hat ihre Grundlage im II. Vatikanischen Konzil. Franziskus ist ja der erste Papst, der nicht mehr selbst am Konzil dabei war. Er ist sozusagen der «Lehrbub» des Konzils, und auch wir sind mit ihm quasi in die Mündigkeit entlassen.

Interview: Christian von Arx

Zur Person

P. Peter Spichtig OP (49) stammt aus dem Kanton Obwalden. Er studierte Theologie an den Universitäten Freiburg (Schweiz) und Berkeley (Kalifornien), wurde 2002 zum Priester geweiht und gehört dem Orden der Dominikaner an. Nach drei Jahren in der Pfarreiseelsorge in Zürich wurde er im September 2004 Co-Leiter des Liturgischen Instituts (www.liturgie.ch), zusammen mit Dr. Gunda Brüske. Er ist Sekretär der von Abt Urban Federer (Kloster Einsiedeln) präsidierten Liturgischen Kommission der Schweiz, eines Gremiums der Schweizer Bischofskonferenz.

Liturgisches Institut

Das Liturgische Institut wurde 1963 auf Initiative von Anton Hänggi (1917–1994) gegründet. Hänggi, damals Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg und dann von 1968 bis 1982 Bischof von Basel, hatte die Anzeichen zur Liturgiereform im Vorfeld des II. Vatikanischen Konzils erkannt und wirkte als Experte an der ­Liturgiereform mit. Von 1968 bis 2000 war Zürich Sitz des Instituts, von 2000 bis 2003 Luzern. 2004 wurde es als Dienststelle der Schweizer Bischofskonferenz neu strukturiert und ist seither wieder in Freiburg ansässig. Das Liturgische Institut ­versteht sich als Kompetenzzentrum für Fragen des Gottesdienstes in der katholischen Kirche und fühlt sich bis heute der nachhaltigen Um­setzung der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils verpflichtet», wie es auf seiner Website www.liturgie.ch schreibt.

 

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