Im Gespräch an einem sonnigen Tag: «Du bist mehr als deine Krankheit …» | © Valeria Hengartner
27.02.2020 – Aktuell

Zum Tag der Kranken: Ich bin mehr als meine Krankheit(en)

«Ich bin mehr als meine Krankheit!» Herr K. ist unheilbar erkrankt, und er weiss es. Aber, und das ist ihm sehr wichtig, er ist mehr als seine Krankheit, er ist und bleibt auch Ehemann, Vater, Grossvater, engagiert in verschiedenen Vereinen und pflegt Kontakte …

Frau S., auch sie unheilbar krank, meint: «Es ist schon schräg: Ich bin die, die Krebs hat, so als wäre ich als Mensch verschwunden. Dabei bin ich doch vor allem gesund: Ich lebe ganz intensiv, jeden Tag neu, ich freue mich an den Begegnungen, jedes Lachen stellt mich auf, ich bete viel, weil ich mich dann verbunden fühle mit den Menschen, mit der Welt, mit dieser wunderbar tragfähigen Gotteskraft. Und ich entdecke Eigenschaften an mir, die ich vorher nicht kannte, es tauchen Themen auf, die mich faszinieren, ich habe viel Zeit zum Nachdenken. Vor allem aber erklingt meine Seele! Die Krankheit hat mich ‹auf den Boden› gebracht, mitfühlender gemacht, mutiger – ja, ich bin viel mehr als diese Krankheit!»

«Ich bin mehr als meine Krankheit(en)»: Diesen Schwerpunkt haben die Verantwortlichen des diesjährigen Tags der Kranken gewählt. Er möchte ins Bewusstsein rufen, dass ein kranker Mensch in erster Linie Mensch bleiben soll und darf. Die Krankheit macht nur einen Teil des Lebens aus – daneben gibt es noch viel mehr. Zu oft werden kranke Menschen in unserer Gesellschaft auf ihre Diagnose(n) reduziert – und hinter der Diagnose geht der Mensch mit all seinen Begabungen und Eigenschaften vergessen. Aber ein kranker Mensch behält seine Würde und entsprechend möge ihm auch begegnet werden.

Auch mir ist das wichtig: Ich möchte immer vor allem den Menschen mit seiner einzigartigen Persönlichkeit, mit seinem unverwechselbaren Leben sehen, den Menschen, der zwar eine oder mehrere Krankheiten hat und ertragen muss, aber – und das ist zentral – viel mehr als das und vor allem nicht seine Krankheit ist. Die Haltung Jesu ist mir Vorbild: Er spricht den kranken und dadurch oft auch isolierten Menschen an, er berührt diesen, schaut ihn an, schenkt Zu-Wendung im wörtlichen Sinn und zeigt damit, dass er den Menschen als Menschen wahrnimmt und wieder in die Gemeinschaft zurückholt. Dass aus diesem Kontakt Heilsames geschehen kann, liegt auf der Hand. Das eigentliche Wunder in diesen Begegnungen ist, dass Jesus den kranken Menschen als ganzen Menschen sieht und ihm Zuwendung schenkt, nicht weil er krank, sondern weil er Mensch ist. Und ihm zuspricht: «Du bist viel mehr als deine Krankheit(en)!»

Valeria Hengartner, Spitalseelsorgerin Universitätsspital Basel,
Leitung Projektstelle Seelsorge in ambulanter Palliative Care