Der 82-jährige Niklaus Brantschen, Jesuit und Zenmeister, spürt beim Fasten Dankbarkeit für die Gaben der Natur. | © Helmut Harich
06.03.2020 – Aktuell

«Zum Fasten gehören Gebet und Nächstenliebe»

Auf die Fasnacht folgt die Fastenzeit, die 40-tägige Vorbereitungszeit auf Ostern. Der Buchautor Niklaus Brantschen, Jesuit und Zenmeister im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, hat eine 50-jährige Erfahrung mit dem Fasten.

Was raten Sie einer Person, die fasten möchte?

Niklaus Brantschen: Pack es an! Überlege nicht zu lange. Wenn ich den Schritt wage, vielleicht auch motiviert durch eine Gruppe, merke ich: Das geht gut. Sehr gut.

Sie fasten seit 50 Jahren. Was macht das Fasten mit Ihnen?

Die zentrale Erfahrung ist die Durchlässigkeit, die Leichtigkeit. Man verliert nicht nur physisch an Gewicht, sondern auch mental an Schwerfälligkeit. Man wird luftiger, durchlässiger – und dankbarer! Alles, was wir zum Leben brauchen, wird uns geschenkt. Wir leben von Luft, Wasser, von der Mutter Erde – und da spürt man plötzlich eine ganz tiefe Dankbarkeit für die Gaben der Natur, der Schöpfung. Dankbarkeit ist das Nachhaltigste, was ich beim Fasten gelernt habe.

Ist Fasten mehr als «auf Schokolade verzichten»?

Mit dem alten Augustinus kann man sagen: Das Fasten hat wie ein Vogel zwei Flügel: das Gebet und die tätige Nächstenliebe. Wenn die Spiritualität beim Fasten nicht praktiziert wird oder die Offenheit zu den anderen Menschen nicht gelebt wird, dann ist ein Flügel lahm, und der Vogel – das Fasten –kommt nicht vom Fleck. Die gesundheitliche, die spirituelle und die sozial-politische Dimen­sion gehören zusammen.

Ist Fasten ein Grundbedürfnis des Menschen?

Im Winter, bei knapper Nahrung, haben die Menschen weniger gegessen – und gemerkt, dass das eine den Geist aufhellende Wirkung hat. Da kamen ihnen neue Ideen und ein Gespür für das Numinose. So hat Fasten die Entstehung der Religion mitbegünstigt und ist in allen grossen Religionen beheimatet.

Interview: Ines Schaberger, kath.ch