Was hindert uns daran, im Leben das zu tun und zu sagen, was wir wirklich wollen? | © cookfly/pixelio.de
29.08.2019 – Impuls

Matthäus 1,18–23

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht blossstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.

Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heisst übersetzt: Gott mit uns.

(Neue Einheitsübersetzung 2016)

 

Wie sieht Ihr Leben aus, in dem Sie nichts bereuen?

Kinder fragen immer wieder nach ihrer Herkunft und finden es faszinierend, dass es eine Zeit vor ihnen gab. Sie wollen alles wissen von früher und wie das war, als sie noch nicht auf der Welt waren. Gleich verhält es sich mit ihrer Geburt. Immer wieder fragen sie danach, wie die Geburt war und was wir Eltern mit ihnen in den ersten Tagen und Monaten erlebt haben. Ja, es gab eine Zeit, die vor uns war, und es wird eine Zeit nach uns geben, in der wir nicht mehr sein werden. Für Kinder fast unvorstellbar.

Diesen Sommer las ich die Selbstbiografie von Irvin Yalom. Der amerikanische Arzt und Psychiater wird als Begründer der Existenziellen Psychotherapie angesehen. Er arbeitete viel mit Krebspatienten, die im Angesicht des Todes sagen, dass sie erst jetzt so richtig zu leben angefangen hätten. Ein Patient von Yalom drückt es wie folgt aus: «Wie schade, dass ich bis jetzt warten musste, erst jetzt, da mein Körper von Krebs zerfressen ist, lerne ich leben.» – «Diese Formulierung blieb mir», schreibt Yalom, «für immer gegenwärtig und half mir, mein Konzept der Existenziellen Therapie zu entwickeln. Ich sagte mir oft: die Realität des Todes mag uns zerstören, aber die Vorstellung vom Tod kann uns retten. Es bringt die Erkenntnis auf den Punkt, dass wir nur eine Chance zu leben haben und deshalb in Fülle leben und am Ende möglichst wenig bedauern sollten.»

In der Begegnung mit einigen alten Menschen erfahre ich, dass sie tun und sagen, was sie tatsächlich wollen und denken. Sie sind ehrlich und authentisch. Es ist ihnen egal, was man über sie denkt, und sie wollen sich selbst und anderen nichts vormachen. Als ich einmal eine ältere Dame darauf ansprach, sagte sie: «Das war nicht immer so! Aber ich habe ja nichts mehr zu fürchten!»

Ist es die Furcht davor, was andere über uns denken, was der Vorgesetzte von uns hält oder wie der Nachbar reagiert, die uns davon abhält, unsere Taten und Gedanken zuzulassen, wie wir es für richtig halten?

Todkranke Patienten pflegte Yalom zu fragen: «Können Sie sich vorstellen, ein Leben zu leben, in dem Sie nichts bereuen? Wie sähe so ein Leben für die nächsten ein oder zwei Monate aus?»

Ich nehme das Fest «Mariä Geburt» zum Anlass, um über die Zeit vor meiner Geburt und die Zeit nach meinem Tod nachzudenken. Wie sieht mein Leben aus, in dem ich nichts bereue? Es geht mir weniger darum, nichts zu verpassen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern vielmehr darum, das zu leben, was ich wirklich will! Was ist mir wichtig? Das kann der Anfang sein, bewusster und authentischer zu leben!

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter, arbeitet als Berufsschullehrer