Hier, im Hof St. Karl (später Salesianum genannt) an der Stadtgrenze von Zug, brachte P. Alberik Zwyssig 1841 den Schweizerpsalm in seine heutige Fassung. (Foto: Christian von Arx)
21.07.2018 – Aktuell

«Lasst uns kindlich ihm vertrauen!»

Wie in der Schweiz ein Psalm zur Landeshymne werden konnte

Die Spiele der Nationalmannschaft an der Fussball-WM in Russland haben es wieder gezeigt: Der Schweizerpsalm ist kein Schlager. Er bleibt ein Psalm – und das ist ungewohnt für eine Nationalhymne.

Als Leonhard Widmer 1840 oder 1841 das Gedicht «Schweizerpsalm» schrieb, hatte er nicht im Sinn, eine Landeshymne zu schaffen. Das Leben im Staatenbund Schweiz war damals geprägt vom scharfen Gegensatz zwischen Konservativen und Liberalen, zwischen reformierten und katholischen Kan­tonen. Widmer (1806–1868), reformiert und liberal, betrieb in Zürich einen Verlag für Musikalien. Er träumte davon, dass Volkslieder die Streitigkeiten unter den Eidgenossen überwinden könnten.

Seinen Schweizerpsalm trug der Verfasser zuerst einem kleinen Zuhörerkreis in Zürich vor. «Wenn der Firn sich rötet/Betet, Schweizer, betet!/Nahe, nahe ist euch Gott/In der Berge Morgenrot!», dichtete Widmer in der Urfassung. Ohne sein Wissen gelangten Freunde mit dem Auftrag für eine Vertonung an Pater Alberik Zwyssig (1808–1854), den Stiftskapellmeister des Zisterzienserklosters Wettingen. Wegen der Schliessung des Klosters durch die Aargauer Regierung hatte Zwyssig, der aus Bauen am Urnersee stammte, Wettingen im Januar 1841 verlassen müssen und fand bei seinem Bruder in Zug Unterschlupf. Dort, im Patrizierhof St. Karl, entstand der Schweizerpsalm, wie wir ihn heute kennen.

Für die Melodie griff Zwyssig auf einen Messegesang zurück, den er 1835 komponiert hatte: Das Graduale «Diligam te domine» auf die Eingangsverse von Psalm 18. Die inhaltlichen Bezüge der beiden Texte fallen sofort auf. So wird Gott in Psalm 18 als Fels, Burg und Retter angerufen, und er erscheint in Begleitung von Naturereignissen wie Erdbeben, Wolken, Donner und Blitz. Im Schweizerpsalm findet der Beter Gott im Morgenrot, im Sternenheer, im Nebelflor und Wolkenmeer. Im wilden Sturm ist Gott «Hort und Wehr».

Das fertige Lied mit angepasstem Text ­erklang am 22. November 1841 in der Stube von St. Karl, mit Blick auf Zugersee und Rigi. Rasch fand es Anklang bei Chören und auf Sängerfesten, und in Übersetzungen verbreitete es sich in alle Landesteile. Die grosse Stunde schlug dem Schweizerpsalm nach 120 Jahren: 1961 erklärte ihn der Bundesrat zur Landeshymne – als Ersatz für «Rufst du mein Vaterland» zur britischen Melodie «God save the Queen».

Wesentlich für die einigende Kraft des Schweizerpsalms war das Zusammenwirken des reformierten Dichters aus Zürich mit dem katholischen Komponisten aus der Urschweiz. Die Sprache des Liedes ist geprägt von ihrer Zeit. Aber Verse wie «In des Himmels lichten Räumen/Kann ich froh und selig träumen» oder «In Gewitternacht und Grauen/Lasst uns kindlich ihm vertrauen» finden sich nicht in den oft kriegerischen und nationalistischen Hymnen des 19. Jahrhunderts. In diesen Passagen klingt das Lied wie ein inniges Gebet und nicht wie eine typische Nationalhymne.

Christian von Arx