Propsteikirche Leipzig, 20. April: Ein Kaplan mit Handschuh spendet einer Frau die Kommunion. | © kna-bild.de
30.04.2020 – Aktuell

Wie Gottesdienste feiern, wenn sie wieder erlaubt sind?

Das Zusammenkommen in der Kirche darf kein Herd für die Verbreitung des Virus werden

Gottesdienste mit grossem Abstand, Desinfektionsritus – und gar mit Mundschutz? Oder doch besser abwarten, bis sich die Lage normalisiert hat? Das Katholische Medienzentrum kath.ch hat dazu Meinungen eingeholt.

Die Schweizer Bischofskonferenz hat ein Konzept für Gottesdienste unter gelockerten Corona-Massnahmen in Aussicht gestellt. In Deutschland fragte sich der Magdeburger Bischof Gerhard Feige, ob ein Gottesdienst mit Zugangsbegrenzung, Anwesenheitsliste, Abstandswahrung, Mundschutz, Handschuhen und Desinfektionsritus «den Glauben tatsächlich fördert oder eher zum Krampf wird.»

Gegen eine «Zweiklassengesellschaft»

Für den Frauenfelder Gemeinde- und Pastoralraumleiter Thomas Markus Meier, der in Obergösgen wohnt, käme es einer Zweiklassengesellschaft gleich, wenn die Teilnehmerzahl stark beschränkt würde. «An einem Sonntag oder Samstagabend haben wir normalerweise weit mehr als 100 Gottesdienstbesucher», sagt der Pastoralraumleiter. Falls künftig nur 15 Personen teilnehmen dürften, würde Meier es vorziehen, dass Gottesdienste weiterhin ausfallen.

Und wenn Vorschriften wie eine maximale Gruppengrösse von vielleicht 50 Personen noch ein ganzes Jahr dauern sollten? Für diesen Fall denkt Meier an ein Ticketsystem, das im Turnus allen ermöglichen würde, an einer Eucharistiefeier teilzunehmen. Er hält es allerdings für unmöglich, mit Gesichtsmasken die Kommunion auf hygienisch einwandfreie Weise zu praktizieren. «Da müsste man schon die Hostie in einer Metalldose mit nach Hause geben.»

Wichtig bei der Eucharistie sei aber nebst der Wandlung des Leibes die Wandlung der Gemeinde. Löse man die Kommunion aus dem Kontext der Versammlung, komme das einer Verdinglichung gleich, die theologisch wenig Sinn ergebe. «Dann lässt man es lieber sein und beschränkt sich auf eine geistliche Kommunion», so Meier.

Neue Formen der Kirche entstehen lassen

Aus Sicht der freien Basler Theologin Monika Hungerbühler geht es im Moment nicht «um Gottesdienstfeiern und das allgemeine Wohlergehen der Kirchen», wie sie auf Anfrage schreibt. Gemäss der Co-Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen (OKE) in Basel stellt sich aktuell vielmehr die Frage: «Was können wir tun, um die Menschen und die KMU zu stützen?»

«Die tiefste Aufgabe als Kirche muss es im Moment sein, Mut zu machen und Hoffnung zu schenken, die Not und Angst der Menschen zu hören», so Hungerbühler. Sie sieht eine Chance: Statt über die leeren Gottesdiensträume zu klagen, gelte es nun zu schauen, was für neue Formen der Kirche gerade im Entstehen sind. «Das geht von tätiger Nächstenliebe über eine Neubewertung der Dankbarkeit für bestimmte gesellschaftliche Arbeit bis zu anderen Formen der Partizipation und des Feierns.»

Bei der Offenen Kirche Elisabethen seien im spirituellen Bereich ohnehin nie die Sonntagsgottesdienste im Zentrum gestanden, sondern die Feiern des Alltags. «Unsere Predigten sind keine Kanzelansprachen, sondern Worte zum Alltag.» Die betriebswirtschaftlich geführte OKE sei durch die seit Anfang März komplett weggebrochenen Einnahmen aus Anlässen derzeit in grosser wirtschaftlicher Not.

«Vorsichtig herantasten»

Auch Roman Ambühl, Pfarreiseelsorger der Pfarrei St. Johannes in Zug, sieht die aktuelle Situation als Chance, um «aus der längst überholten Uniformität auszuscheren», wie er auf Anfrage schreibt. «Mein Gott kennt auch andere Wege, mit Menschen in Kontakt zu kommen, als Eucharistiefeiern.» Das «eucharistische Fasten» habe auch etwas sehr «Prophetisches und Heilvolles».

Was die Rückkehr zu Gottesdiensten betrifft, sieht er vorsichtiges Herantasten angezeigt. «Eine Profilierung von kirchlichen Veranstaltungen als Verbreitungsherde kann nicht in unserem Interesse sein.» Gottesdienste sind aus Ambühls Sicht durchaus auch mit Abstand, Mundschutz und Desinfektion möglich. Er rechnet damit, dass die Rückkehr zur Normalität länger dauern wird und dass die erlaubte Grösse von Versammlungen schrittweise ansteigen werde. «Nutzen wir die Gelegenheit, kreativ mit Fantasie tragende Formen des Begegnens, Danksagens, Bittens und Feierns zu finden. Und auch über die Pandemie hinaus zu pflegen», so Ambühl.

Nicht ohne gemeinsames Beten und Singen

«Aus liturgischer Sicht muss es beim Zusammenkommen der Christinnen und Christen zum gemeinsamen Gottesdienst trotz Abstandsregelung möglich sein, gemeinsam zu beten und zu singen», erklärt der Priester und Dominikaner Peter Spichtig vom Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz in Freiburg auf Anfrage. «Das geht auch mit Mundschutz, der ja bisher freiwillig ist.» Die Person, die dem Gottesdienst vorsteht, und jene, die biblische Lesungen vorträgt, könne dabei allerdings schwerlich einen Mundschutz tragen. «Die Kommunikation, wozu auch die Mimik gehört und eine gute sprachliche Artikulation, erfordert eigentlich ein freies Gesichtsfeld.»

Laut Spichtig werden sich die Schweizer Bischöfe bei den noch zu formulierenden Richtlinien auch auf die Erfahrungen abstützen, die man derzeit in Sachsen macht. Dort sind seit dem 20. April Gottesdienste mit maximal 15 Teilnehmenden und vorgängiger Anmeldung wieder erlaubt. Jeder sitzt in einer eigenen Kirchenbank. Zur Kommunion verteilt der Priester die Hostien mit Handschuhen auf die möglichst weit vorgereckten Hände der Gläubigen.

Ueli Abt, kath.ch