Zirkuspfarrer Adrian Bolzern bei einem Gottesdienst im Zirkuszelt. | © Vera Rüttimann
18.07.2019 – Aktuell

«Wer hat schon 2000 Besucher in einem Gottesdienst?»

Zirkuspfarrer Adrian Bolzern geht diesen Sommer selber im Wagen auf Tournee

Auch Zirkusleute und Schausteller geraten manchmal in Not. Adrian Bolzern kümmert sich als Seelsorger um sie. Finanziert wird er von der Philipp-Neri-Stiftung, die dieses Jahr ihr 20-Jahr-Jubiläum feiert.

 

Es ist eng im Zirkuswagen. Zwei Räume, unterteilt durch Kochnische und Toilette. «Zur Not könnte ich hier auch schlafen», sagt Adrian Bolzern und setzt sich auf das Bettsofa. Seit bald fünf Jahren ist der 39-Jährige als Pfarrer für die Zirkusartisten, Schaustellerinnen und Marktleute tätig. Es war seine Idee, anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums der Phi­lipp-Neri-Stiftung mit einem Zirkuswagen
– beim Zirkus Stey ausgeliehen – für die Stiftung zu werben. Der Wagen wird in der Nähe von Kirchen stehen und rund um die Gottesdienstzeiten geöffnet sein. «Die Kirchenbesucher sollen in den Zirkuswagen kommen, um die Philipp-Neri-Stiftung und meine Arbeit kennenzulernen», erläutert er seine Idee.

 

Zelt und Wagen segnen

«Ich bin für die Sorgen und Nöte, aber auch für die Freuden der Zirkus- und Marktleute da», fasst Bolzern seine Tätigkeit zusammen. So wurde er für die Segnung der neuen Zelte der Zirkusse Nock und Harlekin gerufen, Zirkuswagen würden von ihm gesegnet, er führe Taufen durch und werde an runde Geburtstage eingeladen, erzählt Bolzern.

«Am meisten Sorgen bereitet den Leuten, finanziell über die Runden zu kommen.» Als jüngstes Beispiel erwähnt er den Zirkus Nock, der im Frühjahr Konkurs anmelden musste. Die finanzielle Not habe sich in den 20 Jahren, seit es die Philipp-Neri-Stiftung gibt, eher verstärkt. Die Leute suchten auch bei gesundheitlichen oder Beziehungsproblemen das Gespräch mit ihm. «Manchmal reicht das Geld nicht, um den Selbstbehalt der Krankenkasse zu bezahlen. In solchen Fällen kann die Philipp-Neri-Stiftung schon mal unbürokratisch mit einer Geldspende einspringen.»

Warum braucht es für Artistinnen und Schausteller einen eigenen Pfarrer? Bolzern lacht, ehe er dezidiert antwortet: «Seelsorge ist Beziehungsarbeit. Die Leute sind ständig unterwegs, aber mit der Zeit kennen sie mich.» Umgekehrt sieht er in den Zirkusgottesdiensten eine Chance für die Kirche: «Hier trifft man auf Menschen, die man sonst mit einem Gottesdienst nie erreichen würde! Wer hat schon 2000 Leute in einem Gottesdienst?», fragt er nicht ohne Stolz.

 

«Geht wieder mal an die Chilbi»

Nebst seiner Tätigkeit als Zirkuspfarrer ist Bolzern auch im Pastoralraum Aarau angestellt. «Geht wieder mal an die Chilbi», sage ich manchmal in einer Predigt. Die Glitzerwelt vom Zirkus oder der Chilbi ist für ihn kein Widerspruch zur Kirche. «Der Konsum, das Lachen und die Freude, ja selbst das Trinken über den Durst hinaus, und auf der anderen Seite das Besinnliche, das sind doch die zwei Seiten des Lebens!» Die Kirche solle nicht weltfremd sein, findet Bolzern. Jesus habe oft mit Menschen gegessen und getrunken.

Zirkus- und Marktleute sind seiner Meinung nach nicht mehr und nicht weniger gläubig als andere, «sie haben aber gewisse eigene Rituale und Formen des Ausdrucks». Bolzern erzählt vom Fläschchen Lourdeswasser, das eine Künstlerin jeweils als Glücksbringer auf sich trage, bei einem anderen sei es eine Hasenpfote. Manche Chilbileute pflegten den Brauch, in einen neu aufgestellten Stand Münzen zu werfen, die dann bis zum Ende der Saison liegen blieben in der Hoffnung, dass die Kasse nie leer werde. «Es sind faszinierende Formen von Glauben, die man schätzen sollte. Sie dienen letztlich der psychischen Stärkung.» Er erinnert daran, wie abhängig diese Leute vom Wetter seien. «Oder denken Sie an den Artisten, der auf dem Hochseil balanciert. Das ist so gefährlich, da ist es wichtig, einen Glauben zu haben!»

Sylvia Stam, kath.ch

 

Anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums der Philipp-Neri-Stiftung tourt Adrian Bolzern von Mai bis September mit einem Zirkuswohnwagen durch die Deutschschweiz. Nächste Halte in der Nordwestschweiz:
Sonntag, 11. August: Olten, Chilbi, Gottesdienst 10 Uhr auf der Scooterbahn auf der Schützi
Samstag, 17. August: Reinach, Gottesdienst 18.30 Uhr, beim Pfarreiheim an der Gartenstrasse
Sonntag, 18. August: Reinach, Gottesdienst 10.30 Uhr, in der St. Nikolauskirche
Sonntag, 25. August: Hägendorf, Chilbi, Gottesdienst 10.00 Uhr auf der Scooterbahn bei der Eigasse