In Schweden stellt am Luciafest ein Mädchen mit Lichterkranz die heilige Lucia dar. | © Foreign and Commonwealth Office/wikimedia
12.12.2020 – Impuls

2. Korintherbrief 10,15–18

Wir rühmen uns nicht masslos und mit fremden Leistungen; aber wir haben die Hoffnung, wenn euer Glaube stärker wird, vor euren Augen über das uns gesetzte Mass weit hinauszuwachsen und das Evangelium über eure Grenzen hinauszutragen. Nach einem fremden Massstab und auf einem Feld, das schon bestellt ist, wollen wir keinen Ruhm ernten. Wer sich also rühmt, der rühme sich im Herrn. Denn nicht, wer sich selbst empfiehlt, ist anerkannt, sondern der, den der Herr empfiehlt.

Einheitsübersetzung 2016

 

Wer bringt Licht in meine Dunkelheit?

Wir stehen bereits in der Mitte der Adventszeit. Da mag bisweilen der Gedanke aufkommen, die Zeit bis zum Weihnachtsfest sei nur mehr sehr kurz, und der Endspurt der Vorbereitungen habe begonnen. Die Einladungen sind ausgesprochen, die Weihnachtsgrüsse sind geschrieben, die Päckchen an die Lieben, die man wegen der Pandemie nicht sehen kann, sind zur Post gebracht … Dabei hat der Advent eine Bedeutung ganz in sich und nicht nur als Vorlauf für das grosse Fest. Die Adventszeit hat ihr eigenes Thema, und das ist die Bewältigung der Dunkelheit.

Bei uns auf der Nordhälfte der Erde deckt sich diese Thematik mit der Winterdunkelheit. Wir wissen, dass die längste Nacht zwischen dem 21. und dem 22. Dezember auszuhalten ist. Im julianischen Kalender, der bis 1582 Gültigkeit hatte, wurde am 13. Dezember an die tiefste Dunkelheit gedacht – ohne elektrisches Licht und Vorweihnachtsbeleuchtung. Wenn wir, die wir nicht mehr an das Leben im Dunkeln angepasst sind und möglichst rasch den Lichtschalter drehen oder die Stirnlampe einschalten, wenn wir der Finsternis ausgesetzt sind, überfällt uns die Angst, die wir gerne und erfolgreich verdrängen. Im Finstern wittern wir Gefahren, wir können nicht voraussehen, was auf uns zukommt. Darum schlage ich Übung 1 vor: Gehen Sie (ruhig mit einer Taschenlampe) zu einer Bank im Wald und setzen Sie sich (ohne Taschenlampe) eine Weile hin. Hören Sie nach aussen auf den Klang und nach innen auf das Echo der Finsternis. Eventuell spüren Sie die Bedrohung und das Bedürfnis nach Licht.

Es ist eine verwickelte Geschichte, wie die hl. Lucia von Sizilien nach Schweden kam. Nach wie vor ist ihr Grab in Syrakus, aber ihre volkstümliche Verehrung wird hoch im Norden gepflegt, eben am 13. Dezember, wenn die Nacht lang ist. Dann bringt Lucia Licht in die Dunkelheit, dargestellt mit einem Lichterkranz auf dem Kopf junger Mädchen. Mag sein, dass es sich in Verbindung mit einer christlichen Heiligen um einen Rest einer nordischen vorchristlichen Religion handelt, mag sein, dass Weihnachten selbst auf das Datum eines Sonnenwendfestes gelegt worden ist, weil so erlebbar wurde, dass das Licht des Himmels in der Finsternis der Welt erschien.

Wir haben das Bedürfnis, nicht bis zum Weihnachtsfest in der Dunkelheit auszuharren. Wir wollen uns nicht überfordern. Darum zünden wir einzelne Kerzen auf unserem Adventskranz an, die uns einen Vorgeschmack auf das strahlende Licht des Weihnachtstages schenken. Lucia ist eine solche Lichtgestalt. Ihr könnten wir doch die nächste Adventskranzkerze widmen: Lucia, bring uns Licht, damit wir die Finsternis ertragen können, die uns umgibt, nicht nur die jahreszeitliche, vielmehr die seelische Finsternis der Einsamkeit und der Angst, und auch die Finsternis der Geschichte der Welt.
Das führt mich dazu, Ihnen die Übung 2 vorzuschlagen: Geben Sie den Kerzen Ihres Adventskranzes einen Namen, Namen Ihrer Lichtgestalten. Diskutieren Sie mit anderen, wer für Sie Lichtbringer ist. Das muss nicht jemand sein, der/die christlich und heilig ist. Vielleicht ist es ja eine Grossmutter, ein Politiker, eine Schriftstellerin, jemand aus Ihrem Bekanntenkreis. Und stellen Sie sich auch vor, jemand würde seiner/ihrer Kerze Ihren Namen geben: Zuviel Bedeutung? Egal, es ist ja nur eine Momentaufnahme für diesen Advent. Wichtig ist aber, dass Lucia nicht allein bleibt und mit anderen die Aufgabe erfüllt, in der Dunkelheit des Advents eine Ahnung von Licht zu verbreiten.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland