Das Veilchen findet im Frühling die Kraft, auch in steinigem Boden aus der Erde zu dringen. | © Elisa Al Rashid/pixelio.de
25.03.2021 – Impuls

Markus 16,2.5–7

Am ersten Tag der Woche kamen (die Frauen) in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging … (Sie) sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weissen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier … Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Einheitsübersetzung 2016

 

Wenn ich doch nur diese Kraft hätte!

Wenn doch endlich diese Pandemie vorbei wäre. Wenn er doch endlich diese Krise als Chance verstehen könnte. Wenn ich doch wüsste, wie es weitergeht. Kürzlich ging mir in einem Gespräch mit einer jungen, sympathischen Frau durch den Kopf: Ach, wenn sie doch nur den Schritt tun könnte, nach dem sie sich so sehr sehnt, aus der Prostitution auszusteigen. Wenn sie diese Kraft doch nur aufbringen könnte! Ich besorgte Unterlagen zu Stellen, die sie begleiten würden, und bat auch meine Kollegin, nach ihr zu schauen. – Wenn sie diese Kraft doch nur hätte!

Wenn doch der Herzenswunsch in Erfüllung ginge. Wenn wir diese Kraft doch nur aufbringen könnten! Wenn ich doch … Wenn wir doch … Wie sagt man so schön: Wenn das Wörtchen «wenn» nicht wäre. Und doch!

Und doch, wenn die Frauen frühmorgens, zwischen Nacht und Tag, zwischen Verzweiflung und Hoffnung, nicht zum Grab Jesu gegangen wären? Grossartiges und Unbegreifliches ist ihnen und damit auch uns widerfahren. Wenn sie nicht aufgebrochen wären und ihrem Liebsten nicht begegnet wären, ihre Nachricht über die Auferstehung wäre im Dunkeln der Nacht versickert, im Nichts.

Dieses Jahr, am 3. April, am Karsamstag, gedenkt die Kirche einer besonderen Frau, Elisabeth Koch. Sie war für mich bis jetzt fremd. Sie hatte ganz und gar nicht gute Startchancen in ihrem Leben. Frühe Todesfälle in ihrer Familie, eine Mutter, auf die sie sich nicht verlassen konnte, Aufenthalte in Pflegefamilien und bei ihrer Grossmutter, und dann später die Typhusepidemie in Belgien – all dies konnte sie nicht davon abhalten, mit jungen Frauen zusammen eine Gemeinschaft zu gründen, um die typhuskranken Menschen zu pflegen. Die Gemeinschaft geriet auch in politische Unruhen, sodass sie nach Löwen, heutiges Leuven, ziehen musste. Das Sankt-Nikolaus-Spital in Eupen gedenkt ihrer immer noch. Zur Feier des 150-jährigen Bestehens rief man die Josephine-Koch-Stiftung ins Leben. Elisabeth von Jesu, ihr Ordensname, hatte in jener Epidemie in Belgien ihre Berufung entdeckt, wenn es auch total schwierig war.

Wir sind in der sogenannten heiligen Woche. Das neue Leben, der neue Impuls, die neue Kraft und die neue Lebensquelle warten auf uns. Wenn auch ich/wir in dieser schwierigen Zeit, wie die Frauen im Markusevangelium und jene Frauen von Eupen, uns nicht aufhalten lassen würden und weitergingen, suchend, vorwärts tastend, dem Leben entgegen? Mögen wir den Rückenwind, der uns vorwärts bringt, spüren und den Lebenssinn und die Freude wiederfinden. Das zarte Gedicht von Philippe Jaccottet drückt es auf besondere Weise aus.

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge Basel-Stadt

 

Veilchen

Blumen, sie gehören zu den unauffälligsten
zu den verborgensten.

Winzig.

An der Grenze zur Unscheinbarkeit.
Entsprossen dieser Erde, die gelockert ist vom
l
etzten Winterschnee.

So zart,
wie schaffen sie auch nur
zu erscheinen,
aus der Erde zu dringen,
aufrecht zu stehn?