Der Kern der Legenden vom heiligen Nikolaus: Die Bedürfnisse anderer sehen und ihnen helfend beistehen. | © weisserstier/wikimedia
21.11.2019 – Impuls

Matthäus 9,27–30

Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet.

Einheitsübersetzung 2016

 

Wenn der Samichlaus kommt

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich so sechs oder sieben Jahre alt war und wir Kinder jedes Mal im Dezember auf den Samichlaus warteten. Wir taten dies naturgemäss in der kindlichen Aufregung und gingen immer wieder vors Haus, ob er denn schon da sei! Je später es wurde, desto aufgeregter waren wir.

Bisweilen beschlich mich dann ein unheimliches Gefühl, wenn er bei uns war. Dieser Mann wusste immer etwas über mich zu sagen und kannte mich offenbar sehr gut. Was würde er in diesem Jahr vor meinen Eltern und Grosseltern über mich erzählen? Hoffentlich ging alles gut über die Bühne! Bei diesen Erinnerungen frage ich mich, ob die Gestalt des Nikolaus nicht doch pädagogisch «überstrapaziert» worden ist. Jedenfalls haben wir bei unseren Kindern versucht, eher das Positive in den Vordergrund zu rücken, um bei dieser Gelegenheit auch ein paar «Verbesserungsvorschläge» anzubringen.

Über den historischen Nikolaus ist recht wenig Greifbares in Erfahrung zu bringen. Umso mehr ranken sich Legenden um seine Person. Der wahre Kern besteht vermutlich darin, dass er sich aus Besitztum und Geld recht wenig machte. Jedenfalls setzte er es stets recht gut für andere Menschen ein. Das hatte aber vermutlich nichts damit zu tun, dass er ein Hippie gewesen wäre, der aus Protest bürgerlichen Wertvostellungen wie Besitz und Prestige eine Absage erteilen wollte. Nein, seine Haltung war seine glaubwürdige und persönliche Antwort auf die Nachfolge Christi. Konkret am Beispiel Jesu orientiert, heisst dies, die Bedürfnisse anderer Menschen sehen und ihnen helfend beistehen. In den Legenden hilft Nikolaus oft anonym oder unerkannt.

Unweigerlich muss ich daran denken, wie viele Menschen mir und meiner Familie im Leben schon geholfen haben, manchmal ganz offen, manchmal aber auch unerkannt oder anonym im Hintergrund: einen Tipp gegeben, eine Chance eröffnet, ein Problem gelöst oder irgendwo ein gutes Wort eingelegt. Hilfe aber auch ganz konkret: Nach der Geburt unseres dritten Kindes, statt Babykleider zu schenken, von denen wir genug hatten, ein Mittagessen gekocht, bei einem kranken Kind im Haushalt eingesprungen oder notfallmäs­sig auf die Kinder aufgepasst, nachbarschaftlich etwas ausgeliehen oder bei einem Problem helfend unterstützt. Umgekehrt hatte auch ich die Gelegenheit, anderen Menschen zur Seite zu stehen, sei es tatkräftig, mit einem guten Wort oder einfach nur durch Zuhören.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass es heute sozial kälter wird, und die Menschen einander weniger helfen. Ihnen möchte ich entgegenhalten, dass es nicht durchwegs so ist. Nutzen wir den Feiertag des heiligen Nikolaus, um einmal darüber nachzudenken, wer uns im Leben schon alles geholfen hat, oder wem wir eine Hilfe sein konnten. Vielleicht fällt uns da jemand ein, dem wir schon lange einmal Danke sagen wollten, oder jemand, der unsere Unterstützung brauchen kann. Vielleicht ist dies eine Ermutigung, entschieden für andere Menschen offen und hilfsbereit zu sein und umgekehrt auch zu sehen, was andere für uns Gutes tun. Womöglich ist es gar eine persönliche Antwort auf die Frage der Nachfolge.

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter, arbeitet als Berufsschullehrer