Eine Runde der Weisen, Mächten und Vornehmen der Welt? Sitzung des Weltsicherheitsrats vom 19. November 2019. | © wikimedia commons
11.03.2021 – Impuls

1. Korintherbrief 1,26–29

Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in dieser Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.

Einheitsübersetzung 2016

 

Weisheit und Stärke – alles nur törichte Eitelkeit?

Man muss sich eine Meinung bilden! Es gehört zu unserer Kultur, dass wir uns informieren, uns einmischen, abstimmen und engagieren. Natürlich kann und muss man vielleicht in manchen komplexen Problemen sagen: Ich verstehe die Zusammenhänge nicht oder zu wenig. Ich muss da auf Menschen meines Vertrauens hören.

Auf wen will ich hören, wenn es darum geht, aus dem breiten Spektrum der Meinungen auszuwählen und mir ein eigenes Urteil zu bilden? Es geht darum, kritisch zu beurteilen, ob jemand mit Sachkenntnis und Unabhängigkeit ein glaubwürdiger Mensch ist. Den werde ich dann einen weisen Menschen nennen und ihn ernst nehmen.

Was ich auf diese Weise herausfinde, ist dann vielleicht nicht absolut richtig und löst nicht alle Probleme, aber ich bin meinen Grundwerten treu geblieben und hänge mein Fähnlein nicht einfach in den Wind. Da können einige Leute als Weise auftreten, alle möglichen Disziplinen vertreten und Autorität beanspruchen. Sie sind wichtig und fühlen sich manchmal noch wichtiger. Aber allein schon deshalb, weil sie sich gegenseitig widersprechen, weiss ich, dass ich mir einen Raum der Unabhängigkeit bewahren muss.

Die Weisheit der Welt, um es mit den Worten des hl. Paulus zu sagen, ist sehr anfällig für verschiedene Erkrankungen. Da gibt es Modeströmungen und Konkurrenzprobleme, Selbstgefälligkeit und Fanatismus. Aber einfacher geht es nun mal nicht in unserer Welt. Wenn Paulus darauf hinweist, dass Gott das «Törichte» erwählt, so ist dies sein Hinweis auf himmlische Massstäbe, die anders sind als unsere Wirklichkeit.

Allerdings können die Worte des Paulus zu einer gefährlichen Schieflage führen. Es geht nicht darum, sich der Methode Gottes irdisch anzuschliessen und das Törichte, das Dumme also, für das Richtige zu halten. Auch für gottesfürchtige Menschen gilt: Misserfolg ist nicht per se ein Zeichen für Gottvertrauen. Wir brauchen die Weisen dieser Welt, aber wir müssen ihnen gegenüber kritisch bleiben. Sie nicht zu hören wird mit Sicherheit in eine Katastrophe führen. Wir brauchen Menschen, die Macht ausüben können, aber wir müssen sie kontrollieren. Auf sie zu verzichten führt ins Chaos.

Im Geist der Bergpredigt Jesu und des Magnificat Mariens wird deutlich: Es geht um eine Umwertung. Was sich aus sich selbst heraus für wichtig und wertvoll hält, wird abgestraft. Weisheit und Stärke sind nicht Mittel der Selbstdarstellung und erst recht keine Selbstrechtfertigung der Macht. Nur als Dienst für allgemeines Wohlergehen und Gerechtigkeit sind sie von Wert. Fehlt ihnen diese Zielsetzung, sind sie törichte Eitelkeit.

Um der Gefahr der Selbstüberschätzung zu entgehen, braucht es den Glauben, die Gewissheit, dass mit all dem, was wir in dieser Welt entscheiden, das letzte Wort nicht gesprochen ist. Das letzte Wort gehört, wie das erste, allein Gott. So bleiben wir Menschen, die nach dem richtigen Weg suchen mit den Mitteln, die uns gegeben sind, dem Verstand und der Liebe. Beide sind geeignet und nötig, um uns die Augen zu öffnen. Und es bleibt uns der Glaube, dass Gott auf die krummen Linien unseres Lebens die letzte Weisheit schreiben wird.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland