Der Musiker Raphael Immoos (links) und der Binninger Diakon Markus Wentink haben zusammen ein Rahmenprogramm zu den Texten von Bachs Johannespassion ausgeheckt. | © Christian von Arx
22.10.2018 – Aktuell

Was zum Teufel singen wir da überhaupt?

Ein theologisch-musikalisches Projekt in Binningen nimmt Johann Sebastian Bachs Johannespassion beim Wort

Wer hört schon auf die Worte, wenn im Konzert die Johannespassion von Bach erklingt? Diakon Markus Wentink und der Dirigent Raphael Immoos tun es: Sie rücken rund um die Aufführung des Werks in Binningen die geistlichen Texte ins Licht, die heute so befremdlich wirken.

 

«Mit ängstlichem Vergnügen …»
Betrachte, meine Seel
Mit ängstlichem Vergnügen
Mit bittrer Lust
Und halb beklemmtem Herzen,
Dein höchstes Gut
In Jesu Schmerzen.
Sieh hier auf Ruten, die ihn drängen,
Vor deine Schuld den Isop blühn
Und Jesu Blut auf dich zur Reinigung versprengen,
Drum sieh ohn Unterlass auf ihn!

(Textstelle aus der Johannespassion, Fassung von 1749)

 

«Mit dieser Passion bin ich auf Kriegsfuss.» So direkt sagt es Raphael Immoos, Professor für Chorleitung an der Hochschule für Musik in Basel. Er hat schon viele Orchester und ­Vokalensembles geleitet, aber um Bachs Johannespassion hat er bisher einen Bogen gemacht. «Wegen der Texte», erklärt er. «Ich muss verstehen, was gesungen wird. Denn Bach hat die Johannespassion als Text der Liturgie gedacht.»

Jetzt wagt er sich mit den Basler Madrigalisten doch daran. Aus einer Anfrage des Vereins Musik zu Heilig Kreuz in Binningen hat sich im Gespräch mit dem Organisten Theo Ettlin und mit Diakon Markus Wentink ein Projekt entwickelt: Dabei wird die Aufführung des Werks von drei Anlässen begleitet, in denen es um die Texte und ihren Gehalt geht. «Ohne dieses Rahmenprogramm würde ich die Johannespassion nicht aufführen», verrät der Dirigent.

Als Theologe ist Markus Wentink fasziniert, dass dieses Interesse an den Texten vonseiten des Musikers kam. In den Rezitativen werden Abschnitte aus dem Johannesevangelium in der Übersetzung Luthers gesungen. Die Arien und Choräle stammen von verschiedenen Theologen aus Bachs Zeit. Es sind Interpretationen, Kommentare oder Meditationen zu den Bibeltexten. Die Choräle stehen stellvertretend für die Gemeinde. «In heutigen Konzerten erklingen diese Texte unreflektiert, das ist eine Katastrophe», ärgert sich Immoos.

Für heutige Ohren sind die Worte der Johannespassion über weite Strecken befremdlich, teilweise schockierend (siehe Textauszug). Zumindest dann, wenn die Passion in einer Kirche aufgeführt wird, sollten die Musiker einen Zugang zum Text haben, fordert Raphael Immoos. Er will Musik und Liturgie zusammenbringen.

Für Diakon Wentink sind die Texte der Johannespassion pietistische Theologie. Die Autoren versuchten, mit ihren Worten dem Tod und dem Leid zu begegnen. Als Theologe sucht Wentink den Bezug zum Existenziellen des Menschen. «Mir geht es darum, wie wir heute authentisch sprechen und singen können», erklärt er. «Sonst werden wir zum Museum.» Wenn Texte nur noch seltsam klingen oder wenn sich Zuhörer auf den musikalischen Genuss beschränken, gehe viel von der Kraft des Werks verloren.

Bei den drei Rahmenanlässen wirken unter anderen auch Ausführende der Basler Madrigalisten mit. Markus Wentink hofft auf viele Teilnehmende aus der Pfarrei und darüber hinaus – etwa solche, die selber mit dem Thema Leid konfrontiert sind. Raphael Immoos denkt an Personen, die einen spi­rituellen und theologischen Zugang zur Johannespassion suchen – auch solche, die Mühe hätten mit Bach. «Aber natürlich sind auch die Fans und Liebhaber von Bachs Musik willkommen.»

Christian von Arx