Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern. | © zVg
23.05.2019 – Aktuell

Vorbild für den Zölibat der Priester war das Mönchtum

Der Kirchenhistoriker Markus Ries erklärt die Herkunft der Zölibatsverpflichtung

Ob es um das Priesteramt geht, um die Personalsituation in der Kirche oder um die Vermeidung von sexuellem Missbrauch: Schnell ist die Diskussion beim Thema Zölibat. Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern, gibt einen Überblick zur Entstehung dieser Lebensform des Klerus von der Antike bis heute.

 

Ab wann ist der Zölibat für Priester in der römisch-katholischen Kirche verpflichtend?
Prof. Markus Ries: Es war ein Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte. Als Stichdatum wird immer das Zweite Laterankonzil (1139) genannt, weil dort die bis heute geltenden Vorschriften allgemein erlassen wurden. Man darf den Fokus aber nicht so sehr auf dieses Datum legen, weil man damit die aktuelle Kirchenstruktur in die Vergangenheit zurückprojiziert. Denn die absolute Gesetzgebungsfunktion des Bischofs von Rom hat sich erst danach so richtig etabliert. Die Wurzeln des Zölibats lassen sich hingegen bis in die Antike zurückverfolgen. Es ist ein Prozess, der sich in mehreren Stufen entwickelt hat.

Welche Stufen sind das?
Die erste Stufe zeigt sich in der Geringschätzung der zweiten Ehe. Im Timotheusbrief heisst es: «Der Bischof soll der Mann einer einzigen Frau» (1 Tim 1,2), das heisst kein wiederverheirateter Witwer sein. Diese Ansicht wurde im christlichen Milieu schon sehr früh vertreten.

In der zweiten Stufe wurde auch der sexuelle Kontakt von Verheirateten geringgeschätzt. Man sah es lange Zeit als nicht ideal an, wenn ein Geistlicher Familienvater war oder nochmals Vater wurde. Die Ehe passte nicht zur Vorstellung vom geistlichen Amt. Das war noch kein Verbot, sondern eine Idealvorstellung – etwa so, wie wir es heute unpassend fänden, wenn eine Seelsorgerin oder ein Seelsorger in einem übermotorisierten, 200 000 Franken teuren SUV durch die Strassen fährt. Die Ablehnung hat sich verstärkt und wurde am Ende zur Vorschrift.

Wie kommt es zu einer solch ablehnenden Haltung gegenüber Sexualität und Ehe?
Der Umgang mit Sexualität und Ehe ist in allen Kulturen ein sensibles Thema. Es gab schon früh christliche Sekten, die die Ehe grundsätzlich verachteten. Für sie schlossen sich Taufe und Ehe aus. Diese Gruppen sind an den Rand gedrängt worden, haben aber doch auf den Mainstream des Christentums eingewirkt.

Was führte schliesslich zur Zölibatsverpflichtung?
Nach der Teilung in eine Ost- und eine Westkirche Anfang des 2. Jahrtausends entwickelte sich in der westlich-lateinischen Tradition ein christliches Ideal, das sich am Mönchtum orientierte: Die höchste christliche Lebensform ist jene des alleinstehenden Beters ohne Besitz. Diese elitäre Idee wurde auf den Klerus übertragen. Das Ideal war so beeindruckend, dass man es zur generellen Vorschrift machte. Auch die Tonsur oder das regelmäs­sige Psalmengebet, zu dem sich Geistliche bis heute verpflichten, stammen aus dem Mönchtum.

Oft wird der Zölibat auch mit einem praktischen Grund in Verbindung gebracht: Er sollte die Aufteilung des Kirchenbesitzes auf viele Erben vermeiden …
Dies ist eher ein verstärkendes Moment, aber nicht der eigentliche Grund für die Einführung des Priesterzölibats. Denn man hätte das Problem der Erbteilungen ja auch wie die weltlichen Herrscher lösen können, etwa durch Beschränkung auf die Erstgeborenen. Auf jeden Fall hat der Zölibat bei der Vergabe geistlicher Ämter Handlungsfreiheit verschafft, da er die Möglichkeit gab, jeweils den geeignetsten Nachfolger auszuwählen. Auf diese Weise war das kirchliche Stellenbesetzungssystem allem, was man im weltlichen Bereich kannte, weit überlegen.

Wie wurde die Zölibatsverpflichtung eingehalten?
Die Tatsache, dass die Verpflichtung zum Zölibat immer wieder – namentlich bei Kirchenreformen – eingeschärft wurde, verweist darauf, dass es häufig prekär war, dieses Ideal aufrecht zu erhalten und ihm Nachachtung zu verschaffen. Man entwickelte in den einzelnen Epochen unterschiedliche Umgangsweisen damit. Im späten Mittelalter war es mehr oder weniger akzeptiert, dass Geistliche mit einer Konkubine zusammenlebten. Es hing davon ab, wie die unmittelbare soziale Umgebung darauf reagierte. Zum Teil mussten die Geistlichen dafür eine Ersatzabgabe an den Bischof zahlen. Diese Regelung prangerten die Reformatoren als Doppelmoral an. Der Umgang mit dem Zölibat wurde je nach Bischof und dessen Einstellung dazu unterschiedlich gehandhabt.

Wurde der Pflichtzölibat irgendwann ernsthaft in Frage gestellt
Ja, wiederholt. Die Reformatoren haben den Zölibat abgelehnt. In der Aufklärung kam die Ansicht auf, dass es hinsichtlich der natürlichen Veranlagung des Menschen unvernünftig sei, zölibatär zu leben. Im 19. Jahrhundert regte sich vor allem in Süddeutschland Widerstand, wo Geistliche Antizölibatsvereine gründeten.

Und wo stehen wir heute?
Heute finden wir eine zwiespältige Situation vor: Auf der einen Seite ist der Priesterzölibat glaubwürdiges Zeugnis: Der Verzicht auf Ehe und Familie macht sichtbar, dass jemand sich ganz auf das geistliche Leben ausrichtet und sich uneingeschränkt dem kommenden Reich Gottes und Jesus Christus zur Verfügung stellt. Auf der anderen Seite steht öffentliche Wahrnehmung: Weihe und damit Priesterzölibat sind auf Lebenszeit angelegt, was den Umgang mit Aussteigern immer noch sehr schwierig macht. Betroffene Frauen sind zurückgesetzt, zu Recht fordern sie Respekt und Fairness. Hinzu kommen Unverständnis und Geringschätzung gegenüber dieser Lebensform. Es ist eine sehr belastete Situation, aus der wir fast nicht herauskommen. Wer Reformen anstrebt, geht das Risiko ein, überzeugt Glaubende und Praktizierende zu verärgern und eine weitere Spaltung zu provozieren. Wer sich gegen Reformen stellt, fördert die Entfremdung zwischen kirchlichem Ideal und gelebter Realität. Dringend gefordert ist jetzt beherztes, intelligentes und inspiriertes Handeln!

Interview: Detlef Kissner

 

Das Interview ist zuerst erschienen in «forum­Kirche», Pfarreiblatt der Bistumskantone Schaff­hausen und Thurgau, Nr. 6/2019.