Wenige Wochen vor dem Rücktritt: Papst Benedikt XVI. begrüsst am 16. Januar 2013 den damaligen US-amerikanischen Verteidigungsminister Leon E. Panetta bei einer Generalaudienz im Vatikan.(Foto: U.S. Department of Defense)
17.02.2018 – Hintergrund

Eine überraschende Nachricht aus dem Vatikan

Vor fünf Jahren hat Benedikt XVI. seinen Rücktritt als Bischof von Rom verkündet

Der italienischen Vatikanexpertin Giovanna Chirri standen Tränen in den Augen, als ihr klar wurde, was sie gerade hörte. Sie sass am 11. Februar 2013 im Vatikanischen Pressezentrum, als Benedikt XVI. erklärte, er werde vom Papstamt zurücktreten.

Benedikt XVI. hält seine Ansprache vor den Kardinälen auf Latein. Giovanna Chirri versteht die alte Sprache, doch sie kann nicht glauben, was sie gehört hat: «Declaro me ministerio Episcopi Romae renuntiare.» Schliesslich erhält Chirri die Bestätigung des Pressesprechers Federico Lombardi – und die Sensation geht um die Welt.

Tage später folgten die Bilder, an die viele sich noch erinnern: Der Abschied im Hof des Apostolischen Palasts, der Helikopter, der über die Kuppel des Petersdoms entschwindet, der kurze Gruss von der Loggia in der Päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo, diesmal auf Italienisch «Buona notte!». Erstmals seit über 700 Jahren war ein Papst freiwillig zurücktreten.

Zwei Wochen danach wurde sein Nachfolger gewählt. Im Nachhinein mag der Rücktritt Benedikts XVI. als folgerichtig erscheinen. Hatte doch Kardinal Ratzinger in den letzten Monaten der Amtszeit von Johannes Paul II. in einem Interview erklärt, natürlich könne ein Papst zurücktreten. Bei einigen Kardinälen sorgte das für Unmut, es sei ungebührlich, so etwas öffentlich zu sagen. Seinen eigenen Rücktritt hielt er für seine «Pflicht», wie Benedikt XVI. später erklärte.

Bald nach seiner Wahl besuchte ihn sein Nachfolger Franziskus. Das Bild von zwei römischen Päpsten, die sich treffen, ging um die Welt, wurde nach und nach zur Gewohnheit. Etwa wenn Franziskus dem «Papst emeritus» neu ernannte Kardinäle vorstellt, oder wenn anfangs Benedikt XVI. bei grossen Gottesdiensten im Petersdom zugegen war. Franziskus’ Bemerkung über den «guten Grossvater» im ehemaligen Kloster «Mater ecclesiae», der zuhören und Rat geben könne, tat ihr Übriges.

Kein Gegenspieler des neuen Papstes

Befürchtungen, der Altpapst könne zum Gegenspieler des Neuen werden, sind nicht eingetreten. So hat der amtierende Papst den emeritierten stets in seiner Nähe im Vatikan, seitdem er Castel Gandolfo zum Museum erklärte. Es gibt also keinen räumlichen Gegenpol.

In Persönlichkeit und Stil unterscheiden sich der «Pfarrer-Papst» aus Buenos Aires und sein Vorgänger, der «Professoren-Papst» aus Bayern. Theologisch mag – anders als von manchen behauptet – hier und da doch ein Blatt Papier zwischen die beiden passen. Die Gefahr, sie gegeneinander auszuspielen, geht aber eher von anderen aus, die sie für eigene Interessen instrumentalisieren wollen.

Wobei der emeritierte Papst weniger schweigsam ist als zunächst erwartet. So schrieb er ein Vorwort für ein Buch von Kardinal Robert Sarah im Mai 2017. Dem Präfekten der Gottesdienstkongregation bescheinigte er, die Liturgie sei bei ihm «in guten Händen». Franziskus hingegen hat Sarah im Herbst wegen dessen Interpretation des Motu Proprio «Magnum principium» öffentlich getadelt. Auch das ausführliche Interviewbuch mit dem deutschen Autor Peter Seewald im Jahr 2016 («Letzte Gespräche») sorgte für Debatten. Hatte Benedikt XVI. vor seinem Rücktritt nicht versprochen, der Kirche fortan im Gebet zu dienen? Von Stummheit war allerdings nie die Rede.

Selten öffentlich aufgetreten

Öffentlich gesprochen hat Benedikt XVI. seit dem Rücktritt nur sehr selten: Als ihm im Juli 2015 die Ehrendoktorwürden der katholischen Universität und des Konservatoriums von Krakau verliehen wurden, sprach er über die klassische Musik und den Glauben. Hinzu kommen einige halböffentliche Reden, etwa bei Geburtstagsbesuchen aus der bayerischen Heimat. Unlängst erschien ein kurzes Grusswort von ihm – in einer Festschrift für Kardinal Müller. Für alle schriftlichen Äusserungen, heisst es, hole sich Benedikt XVI. vorher die Genehmigung seines Nachfolgers ein.

In den ersten Wochen und Monaten nach seinem Rücktritt sah der Altpapst erholter und munterer aus als in den letzten Wochen seiner Amtszeit. Die von ihm begonnenen grossen Reformen der Kurie sowie zum Umgang mit Missbrauch in der Kirche, die umzusetzen er sich nicht mehr in der Lage sah, hatte er symbolisiert in zwei grossen Aktenkartons seinem Nachfolger übergeben.

Franziskus-Kritiker abgewiesen

Inzwischen hat Benedikts körperliche Gesundheit nachgelassen, im Herbst sorgte ein Sturz mit blauen Flecken im Gesicht für Aufregung. Geistig sei er nach wie vor fit, sagen jene, die ihn treffen konnten. Die Besuche des aktuellen Papstes scheinen seltener geworden zu sein. Begegnungen mit anderen werden nur bekannt, wenn die Besucher selber davon berichten. Es gab wohl auch Gäste, die sich bei Benedikt XVI. über Franziskus beschweren wollten. Doch die wurden, wie Franziskus selbst einmal erzählte, von seinem Vorgänger unverzüglich vom Hof gejagt; «auf bayerische Art», wie er hinzufügte.

Kirchenjuristen beschäftigt der Rücktritt Benedikts XVI. bis heute, vor allem die Frage, ob und wie der Rücktritt eines künftigen Papstes näher zu regeln sei. Sein Nachfolger Franziskus ist überzeugt, dass dieser Schritt kein Einzelfall bleiben wird.

Roland Juchem, KNA; kath.ch