Touristen besichtigen den Kanzleisaal der Prager Hofburg, den Schauplatz des Prager Fenstersturzes. (Foto: Wikimedia/Francesco Gasparetti)
02.06.2018 – Hintergrund

Der Sturz in die europäische Katastrophe

Vor 400 Jahren begann mit einem Eklat in Prag der Dreissigjährige Krieg

Der Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 steht am Anfang eines kriegerischen Konflikts, der 30 Jahre dauern sollte. Konfessionelle Gegensätze spielten im Dreissigjährigen Krieg eine entscheidende Rolle, in der Auseinandersetzung, die weite Teile von Europa erfasste, ging es aber vor allem um politische Macht.

Hundert Jahre nach dem Beginn der Reformation sah es nicht zwingend danach aus, als ob die an verschiedenen Orten und Ebenen im Heiligen Römischen Reich schwelenden Konflikte zu einem jahrzehntelang wütenden Flächenbrand führen könnten. Ein halbes Jahr später geschah genau das: Ein Funke brachte das Pulverfass Böhmen zum Explodieren – mit verheerenden Folgen für Mitteleuropa. Im Dreissigjährigen Krieg starben Millionen von Menschen, die meisten an Krankheiten und Entbehrungen. Zurückhaltende Schätzungen gehen von einem Bevölkerungsschwund von rund einem Fünftel aus. Ganze Landstriche blieben verwüstet und menschenleer zurück.

Ein Adelsputsch

Am Anfang des Dramas steht ein Aufstand in Böhmen. Am 23. Mai 1618 warfen Vertreter der böhmischen Stände zwei katholische Statthalter des Königs und einen Sekretär aus einem Fenster der Prager Hofburg. Die drei überlebten den Sturz, doch der Zwischenfall setzte eine Entwicklung in Gange, die schliesslich in offenen Krieg mündete. «Der Böhmische Aufstand war kein Volksaufstand, sondern ein Adelsputsch, den eine kleine, verzweifelte Minderheit radikaler Protestanten anführte», hält der britische Historiker Peter Wilson in seiner umfassenden Darstellung «Der Dreissigjährige Krieg: eine europäische Tragödie» fest.

Die verbreitete Ansicht, dass zwischen 1559 und 1618 eine stetige Zunahme der konfessionellen Polarisierung stattgefunden hätte, habe kaum eine Grundlage, betont Wilson. Immerhin hatte der Augsburger Religionsfriede von 1555 Mitteleuropa eine längere Phase ohne grössere Kriege beschert. Es war dabei aber klar, dass der Friedensschluss nicht in jeder umstrittenen Frage Klarheit geschaffen hatte.

Im Umgang mit den Differenzen kam dem Kaiser eine zentrale Rolle zu. Während sich Ferdinand I. (1558–1564) und Maximilian II. (1564–1576) für Mässigung und Kompromisse eingesetzt hätten, habe Rudolf II. (1576–1612) einfach zugesehen, wie das zuvor Erreichte zunichte gemacht wurde. Das Wiedererstarken des Katholizismus sei aufs Engste mit den gleichzeitigen Bemühungen um eine Festigung der habsburgischen Herrschafts­gewalt und Autorität verknüpft gewesen, schreibt Wilson.

Wilson kommt zum Schluss, dass der Krieg weder unvermeidlich noch in erster Linie ein Religionskrieg gewesen sei. Auf beiden Seiten seien gemässigte und militante Positionen nebeneinander gestanden. «Die böhmische Politik war konfessionell polarisiert, weil die Religion die einzige Grundlage bot, auf der man die königliche Regierungsweise angreifen konnte», heisst es bei Wilson.

Endzeitfieber

Böhmen stand seit 1526 unter habsburgischer Herrschaft. Zu ihrem König hatten die böhmischen Stände am 29. Juni 1617 Ferdinand von Innerösterreich, den späteren Kaiser Ferdinand II., gewählt. Am 26. August 1619 ersetzten sie ihn mit Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz. Dessen Zeit als böhmischer König währte nur kurz, so kurz, dass er als «Winterkönig» in die Geschichte eingegangen ist.

Die von Verschwörungs- und Endzeitvorstellungen geprägte Stimmung am kurpfälzischen Hof hat, so stellt es Wilson dar, wesentlich zur Eskalation beigetragen. Christian von Anhalt, Kanzler und starker Mann in der Kurpfalz, sei nach der Ermordung Heinrichs IV. von Frankreich (1610) davon überzeugt gewesen, dass Gott persönlich Friedrich V. erwählt habe, um die Verschwörung der Katholiken zu zerschlagen.

Ausbrüche von Endzeitfieber hatte es immer wieder gegeben, doch diesmal sorgte ein besonderer Umstand für grosse Gefahr. Das Fieber hatte die radikalen Protestanten unter den Reichsfürsten befallen. «Und diesen Männern standen alle Mittel zur Verfügung, aus apokalyptischen Prophezeiungen schreckliche Wirklichkeit zu machen», formuliert es Wilson.

Schlacht mit Folgen

Nach dem Fenstersturz dauerte es zweieinhalb Jahre bis zur ersten Schlacht. Am Weissen Berg bei Prag erlitt die böhmische Armee im November 1620 eine klare Niederlage gegen die kaiserlich-katholischen Truppen. Der erste grössere Waffengang des Krieges war der folgenreichste. Friedrich floh und verlor nicht nur das Königreich Böhmen, sondern nach der Verhängung der Reichsacht auch die Pfalz und seine Kurwürde.
1623 war der böhmisch-pfälzische Krieg und damit die erste Phase des Dreissigjährigen Kriegs beendet. Auch der nächste Abschnitt, der niedersächsisch-dänische Krieg, endete mit einer Niederlage des protestantischen Lagers. 1629 sorgte Kaiser Ferdinand II. mit dem Restitutionsedikt, das die Rückerstattung der seit 1555 von protestantischen Fürsten eingezogenen geistlichen Besitztümern vorsah, für einen Wendepunkt. Der Widerstand der Protestanten lebte wieder auf und erhielt mit Schweden mächtige Unterstützung. Mit dem Eintritt Frankreichs 1635 wurde der Krieg endgültig zum Kampf um die Vorherrschaft in Europa.

Regula Vogt-Kohler

Literatur

Peter H. Wilson: Der Dreissigjährige Krieg: eine europäische Tragödie (2017, Theiss Verlag)
Christian Pantle: Der Dreissigjährige Krieg: Als Deutschland in Flammen stand (2017, Propyläen Verlag)
Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln: Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570–1700 (2017, Hanser Verlag)